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Zeitbombe im zentralen Afrika

Wenn Modernisierung zu Staatszerfall führt

Im Herzen Afrikas liegt eine von der Weltöffentlichkeit kaum beachtete Präsidialrepublik. Auf Grund des anhaltenden Bürgerkriegs und schleichenden Staatszerfalls bleibt die Deutsche Botschaft in der Hauptstadt Bangui bis auf weiteres geschlossen. Nachrichten von dort sind in der Presse kaum zu finden, als zu brisant und beschwerlich erweist sich der Zugang zu Informationen. Die Zentralafrikanische Republik – ein vergessenes Land auf dem vergessenen Kontinent.

BERLIN (Zeitlupe) – Den 15. März 2003 hat von den nicht einmal vier Millionen Einwohnern der Zentralafrikanischen Republik bis heute keiner vergessen. Die rebellierenden Militäreinheiten unter Armeechef François Bozizé nutzten den Aufenthalt von Staatspräsident Ange-Felix Patassé in Niger zur kampflosen Einnahme der Hauptstadt. Binnen kürzester Zeit wurde Bozizé zum neuen Präsidenten erklärt. Konnte im Oktober 2002 die siebte Militärrevolte seit dem Amtsantritt Patassés 1993 noch abgewendet werden, setzte Bozizé nun nach nur zwei Tagen die Verfassung außer Kraft. Das Parlament wurde aufgelöst und die Regierung entlassen. Gerade einmal gute acht Jahre hatte die Verfassung überstanden, denn erst am 14. Januar 1995 war sie in Kraft getreten. Diese Sachlage gab Anlass zu kontinentalen Verstimmungen.

Während sich die Afrikanische Union (AU) entschieden dagegen wehrte, die neue Regierung anzuerkennen, wurde seitens der Zentralafrikanischen Wirtschafts- und Währungsunion (CEMAC) Entgegenkommen signalisiert. Auf dem Gipfel der CEMAC Anfang Juni 2003 verkündeten die sechs Mitgliedstaaten die Anerkennung der Regierung Bozizé. Dabei dürfte neben finanzpolitischen Aspekten vor allem der Selbsterhaltungstrieb der Organisation eine bedeutende Rolle gespielt haben, denn der Hauptsitz der CEMAC liegt in der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui. Indes beharrte die AU auf ihrer Grundsatzposition, Militärputsche und die dadurch an die Macht Gekommenen nicht länger zu akzeptieren – und das nicht ohne Grund. Schließlich ist die junge Geschichte der seit dem 13. August 1960 unabhängigen Zentralafrikanischen Republik nicht nur mit einer äußerst umfangreichen Anzahl an Militärrevolten verbunden, sondern auch mit dem Namen eines Mannes, dessen hemmungsloses Wirken in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts weltweit für Empörung und Entsetzen gesorgt hatte. Die Rede ist von Jean Bédel Bokassa, dem selbsternannten Kaiser Zentralafrikas.

Nachdem die Symbolfigur der zentralafrikanischen Geschichte, Barthélémy Boganda, 1959 verstorben und sein Nachfolger David Dacko erster Staatspräsident nach der Unabhängigkeit geworden war, ergriff Bokassa am Sylvesterabend 1965 gewaltsam die Macht. Da er Exekutive, Judikative und Legislative an sich riss, konnte es 1976 zur maßgeblichen Verfassungsänderung kommen, die als symbolisches Kennzeichen des vom Größenwahn besessenen Staatsführers gilt: Die Zentralafrikanische Republik wurde zum Kaiserreich umgewandelt! Die gezielte Ermordung und Folter von Kindern in den Armeegefängnissen Bokassas führten wie viele andere schwere Menschenrechtsverletzungen in den Jahren 1977 und 1978 zum Aufschrei der internationalen Öffentlichkeit. Der Einmarsch französischer Soldaten im September 1979 bereitete schließlich den Anfang vom Ende der grausamen Willkürherrschaft Bokassas vor. Bei den Wahlen zwei Jahre später wurde David Dacko im Amt des Staatspräsidenten legitimiert. Doch die Mythen um „Kaiser Bokassa“ konnten bis heute aufrecht erhalten werden. So sollen zwölf Diplomaten bei einem Staatsbesuch in Bangui von ihrem Gastgeber Bokassa unwissentlich das Fleisch von ermordeten Gefängnisinsassen serviert bekommen haben. Auch dem deutschen Vertreter soll dabei an dem unmoralischen Gastmahl nichts aufgefallen sein.

Die Weigerung der AU, die Regierung des neuen Machtinhabers in der Zentralafrikanischen Republik, François Bozizé, anzuerkennen, erscheint vor diesem Hintergrund durchaus verständlich. Zwar wäre es eine Anmaßung, hier auch nur annähernd Vergleiche zu ziehen, doch auch Bokassa ist einst Armeechef gewesen und hat sich mittels Militärrevolte an die Macht geputscht. Eine solche Entwicklung kann die grundsätzliche Position rechtfertigen, die durch militärische Gewalt in staatliche Führungspositionen Gelangten nicht als legitime Staatsautoritäten zu akzeptieren.

Dabei stellt sich augenblicklich in der vom Staatszerfall offensichtlich bedrohten Zentralafrikanischen Republik nichts als so bedeutsam dar, wie feste und klare Staatsstrukturen und deren Ausfüllen mit allgemein anerkanntem Führungspersonal. Eine Schwächung von innen oder außen kann hier jederzeit zum Kollaps führen. Da die Zentralafrikanische Republik schon zu Kolonialzeiten kein homogenes Gebilde darstellte, konnte sich auf dem Staatsgebiet auch keine verwurzelte Nation bilden. Vielmehr stand das Land schon lange im Schatten der aus wirtschaftlichen Gründen interessanteren Nachbarstaaten wie Sudan oder der Demokratischen Republik Kongo. Die gewaltsamen Konflikte in diesen Ländern finden in den Medien aus diesen Gründen auch vergleichsweise häufig Erwähnung. Allerdings hat Wolfgang Fengler bereits vor vier Jahren im Rahmen seiner Doktorarbeit darauf aufmerksam gemacht, dass die Zentralafrikanische Republik nur so lange vom völligen Zerfall verschont bleibt, wie der traditionelle Diamantenabbau beibehalten wird. „Wenn (...) die industrielle Diamantenförderung beginnt, wird die Zentralafrikanische Republik neu aufgeteilt“, schreibt der ausgewiesene deutsche Afrika-Experte ohne Umschweife. In diesem kaum beachteten Binnenland, über das nur wenige etwas wissen, könnte somit ausgerechnet die Modernisierung den Untergang bedeuten. Im dünnbesiedelten, fruchtbaren und rohstoffreichen Herzen Afrikas, das von tiefen ethno-politischen Konfliktlinien bislang verschont geblieben ist, scheint somit eine uneinschätzbare Zeitbombe zu ticken, deren mögliche Explosion von der Welt ignoriert wird. (max)



Fläche: 622 984 km2 (Weltrang 42)
Einwohner: 3 771 000 (6,1 je km2)
Bruttosozialprodukt je Einwohner: 260 US-$
HDI: 0,363
Amtssprachen: Sango (kreolische Sprache), Französisch
Hauptstadt: Bangui (524 000 Einwohner)
Unabhängigkeit: 13.8.1960
Staatsform: Präsidialrepublik; Parlamentssystem: Zweikammersystem; Mehrparteiensystem


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