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Zeitlupe - das online-magazin |
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| Instabile Stabilität durch praktizierte Gratwanderung Senegal: zwischen Sopi, Fußball und Casamance Das 1960 unabhängig gewordene Senegal hat als eines der ersten afrikanischen Länder Erfahrungen mit der Demokratie gemacht und zeichnet sich in seiner Entwicklung durch Höhen und Tiefen aus. Nach der Unabhängigkeit stellte Leopold Sédar Senghor den Garant für die politische Stabilität dar. Doch als dieser nach 20 Jahren als erster afrikanischer Präsident sein Amt freiwillig abgab, begann die Stabilität wackelig zu werden. Senegal – ein Land zwischen Gipfelglück und Abgrund. BERLIN (Zeitlupe) – Der Senegal diente der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich lange Zeit als Vorzeigemodell, zeichnete sich das Land doch zunächst durch seine politische Stabilität aus. Doch diese Stabilität war vor allem dem Vater der Nation, Leopold Sédar Senghor, und seinem de-facto-Einparteiensystem, sowie seinem Charisma und seiner Führungspersönlichkeit geschuldet. Als Senghor sein Amt 1980 an seinen Ziehsohn und bisherigen Ministerpräsidenten Abdou Diouf abgab, brach auch die Stabilität zusammen. Nach weiteren 20 Jahren Herrschaft der Parti Socialiste (PS) kam es im Jahr 2000 zu einem echten Wechsel, nämlich zum ersten Regierungswechsel durch demokratische Wahlen. Die PS wurde in der Regierungsführung durch Abdoulaye Wade abgelöst, der mit seiner Partei Parti Démocratique Sénégalais (PDS) und einem sehr heterogenen Wahlbündnis die Wahl im zweiten Wahldurchgang für sich entscheiden konnte. Doch obwohl von unabhängigen Wahlbeobachtern die Wahlen als transparent und demokratisch gelobt wurden und die Bevölkerung sich unter dem Slogan „Sopi“ (= „Wandel“ in der Nationalsprache Wolof) frischen Wind in der Regierung erhoffte, enttäuschte die neue Regierung. In den letzten vier Jahren ließ sich vermehrt das in Senegal schon vorher bekannte politische Nomadentum (transhumance politique) feststellen. Das bedeutet, dass es beispielsweise mitten im Wahlkampf zu Parteiwechseln verschiedener Politiker auf die Seite des zu erwartenden Siegers kommt. Außerdem gab es seit der Regierungszeit Wades schon vermehrt Regierungsumbildungen und Ministerentlassungen. Nicht zuletzt ist derzeit Idrissa Seck als immerhin schon dritter Ministerpräsident unter Wade im Amt! Obwohl Wade der Bevölkerung Mut und Hoffnung auf Veränderung machte, konnte er seine guten Ideen bisher nur unbefriedigend umsetzen. Da nützte auch der Sieg der senegalesischen Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2002 gegen den damals amtierenden Weltmeister Frankreich wenig, der zugleich die ehemalige Kolonialmacht verkörpert. Trotz der anfänglichen Euphorie zeigt sich die Bevölkerung enttäuscht über die Regierung Wades. Diese Enttäuschung, die von der großen Diskrepanz zwischen guten Konzepten und deren schlechter Umsetzung herrührt, fand ihren bisherigen Höhepunkt im Fährunglück der Frachtfähre Joola, die am 26.09.2002 vor der Küste Senegals verunglückte. Dabei kamen 1220 Menschen ums Leben, vor allem Händlerinnen, Schüler und Studenten. Die Frachtfähre Joola hatte eine besondere politische und symbolische Bedeutung für den Senegal, da diese Fähre die direkte Verbindung zwischen dem Hauptteil des Senegal um Dakar und der geographisch durch Gambia abgetrennten Region Casamance wieder herstellte. Nach einer Reparaturpause nahm die Joola ihren von der Bevölkerung lang ersehnten Fährbetrieb wieder auf. Diese Verbindung hat deswegen eine so große Bedeutung, weil in der Region Casamance seit 1982 ein latenter Konflikt herrscht, bei dem es immer wieder zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Angehörigen des Mouvement des Forces Démocratique de la Casamance (MFDC) und Truppen der Regierung kommt. Das MFDC kämpft für eine „politische Emanzipation“, beziehungsweise für Autonomie des christlich geprägten Südens, in der die ethnische Gruppe der Diola vorherrschend angesiedelt ist, vom muslimisch geprägten Norden, in dem vor allem die Wolof ansässig sind. Nachdem diese Fährverbindung nach einjähriger Reparaturpause wieder in Betrieb war, wurde ihr symbolisch ein Brückencharakter zwischen dem Festland des Senagal und der Casamance zugesprochen, zumal 2002 erneut Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der MFDC aufgenommen wurden (die jedoch bisher ohne Erfolg blieben, da die MFDC in sich so zersplittert ist, dass sich Verhandlungen schwierig gestalten). So kam diesem Fährunglück eine große innenpolitische Bedeutung zu. Zuständige Minister wurden entlassen was erneute Kabinettsumbildungen bedeutete, die eine Verschiebung von technokratisch orientierten Politikern hin zu (partei-)politisch orientierten Ministern mit sich brachte. Auch räumte Präsident Abdoulaye Wade eine Mitschuld der Regierung am Fährunglück ein, da die Fähre unter Geld- und Finanzmangel nur notdürftig repariert worden war. Der Untergang der Joola trägt somit zum negativen Bild bei, das sich derzeit von der Regierung abzeichnet. Trotzdem zeichnet sich der Senegal auch durch Stabilität aus. Das Wirtschaftswachstum wächst zwar langsam, aber beständig, und der panafrikanische Präsident Wade engagiert sich sehr für die New Partnership for Africa’s Development (NEPAD) und ist außerdem Vorsitzender der Union Economique et Monétaire Ouest-Africaine (UEMOA) und der Economic Community of West African States (ECOWAS). Daneben bemühte sich Abdoulaye Wade um Friedensgespräche in der Elfenbeinküste und zeigt sich somit in einer nicht unwichtigen internationalen Position. Positiv anzumerken ist weiterhin, dass sich der Senegal trotz des Bürgerkriegs der am 19. September 2002 in der Elfenbeinküste ausgebrochen ist, politisch stabil zeigt und der Konflikt nicht regional von einem Land auf das andere überschwappt, wie aus anderen Regionen Afrikas durchaus bekannt ist. Senegal zeichnet sich also durch eine praktizierte
Gratwanderung zwischen Stabilität und Instabilität, zwischen
Demokratie und Klientelismus, zwischen Vorreiterrolle und Krisenherd aus.
Bislang wurde diese Gratwanderung erfolgreich gemeistert. Bleibt abzuwarten,
inwiefern sich die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit
ihrer derzeitigen Regierung auf die politische Zukunft des Landes auswirkt.
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