| Das Land der tausend Hügel
Mehr als Völkermord und Kongo-Krieg
von Alexander Stroh
Im April 2004 hat sich der ruandische Völkermord
zum zehnten Mal gejährt. Die Weltpresse hat sich einen kurzen Augenblick
auf das kleine Land der tausend Hügel gestürzt, der Opfer gedacht,
nach Ursachen geforscht und die Folgen beleuchtet. Sie hat ein Ereignis
in Erinnerung gerufen, das stets eines der hässlichsten Kapitel der
Menschheitsgeschichte bleiben wird. Zehn Jahre danach hat Ruanda der Weltöffentlichkeit
vergegenwärtigt, welche Verantwortung in den Händen derer liegt,
die sich berufen fühlen oder dazu berechtigt wurden, die Geschicke
eines Landes zu lenken.
HEIDELBERG (Zeitlupe) – Ruanda gehört
zu den afrikanischen Ländern, die in Europa trotz ihrer geringen
Größe und ihres irrelevanten wirtschaftlichen Gewichts bekannt
sind. Wie meist bei afrikanischen Staaten ist diese Prominenz auf besonders
schlechte Nachrichten zurück zu führen, die sich gewöhnlich
in unseren Köpfen festsetzen und über lange Zeit die Kenntnisse
über ein Land dominieren, dass mehr ist, als das Land des Genozids
von 1994.
Geschultere Beobachter verbinden mit Ruanda an zweiter Stelle seine Verwicklung
in den sogenannten „Ersten afrikanischen Weltkrieg“ (Madeleine
Albright, ehemalige US-Aussenministerin), der auf dem Territorium der
heutigen Demokratischen Republik Kongo tobte. Ein Sturm der sich noch
nicht zufriedenstellend beruhigt hat wie gerade erst im Juni 2004 zu beobachten
war als Joseph Kabila, Präsident des gewaltigen Kongos, dem kleinen,
aber militärisch schlagkräftigen Nachbarn Ruanda wortstark,
aber zum Wohl der Menschen ohne Konsequenzen den Krieg erklärte.
Inzwischen hat Kabila seine Worte zurückgenommen, nachdem er sich
in Nigeria mit Ruandas Präsident Paul Kagame getroffen hatte. Was
bleibt, ist der unangenehme Nachgeschmack offensichtlich nach wie vor
höchst angespannter internationaler Beziehungen im Herzen des afrikanischen
Kontinents.
Ruanda hat im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen
Staaten eine lange Geschichte. Schon weit vor der Kolonialisierung durch
die Europäer hatte sich ein ruandisches Königreich etabliert,
dass größer war als das heutige Staatsgebiet, letzteres aber
vollständig umfasste. Die herrschende Klasse, die sogenannten Tutsi,
regierte über ein Land, das mehrheitlich von Hutu-Ackerbauern bewohnt
wurde. Sozialer Aufstieg war möglich, so dass Hutus zu Tutsis werden
konnten.
An der gesellschaftlichen Grundkonstellation änderten auch die Kolonialmächte
zunächst wenig. 1885 entschieden sie in Berlin, dass Ruanda an das
Deutsche Reich fallen solle. Diese Nachricht erreichte den ruandischen
König erst Jahre später als der erste Vertreter des deutschen
Kaisers bei ihm eintraf. Die kaiserliche Präsenz beschränkte
sich fortan auf ein kleines Truppenkontingent, das im Ersten Weltkrieg
schnell aufgeben musste. Belgien trat im Auftrag des Völkerbundes
die koloniale Nachfolge an und verwaltete das Land auch nach dem Zweiten
Weltkrieg als Treuhandgebiet der Vereinten Nationen weiter, bis es 1960
in die Unabhängigkeit entlassen wurde.
Das unabhängige Ruanda sollte ein demokratischer Staat werden. Deshalb
ordneten die belgischen Verwalter das Ende der Tutsi-Monarchie an. Das
Land sollte fortan von einem gewählten Präsidenten regiert werden.
Damit veränderte sich das soziale Gefüge schlagartig. Die herrschende
Minderheit der Tusti (ca. 15% der Bevölkerung) hatte praktisch keine
Chance, sich gegenüber der Hutu-Mehrheit in demokratischen Wahlen
zu behaupten. Folgerichtig kam es zum überwältigenden Sieg des
Kandidaten der Hutu-Partei PARMEHUTU, Grégoire Kayibanda, der zum
ersten Staatspräsidenten der neugegründeten Republik ausgerufen
wurde.
Zu viele Herausforderungen führten das Land in fortschreitende Instabilität.
Die Aufgaben, die sich aus vielen Faktoren wie der Unabhängigkeit,
der wirtschaftlichen Armut, der oktroyierten sozialen Revolution und der
nicht weniger unruhigen Lage in den Nachbarländern ergeben hatten,
überforderten den jungen Staat. So kam es ab 1959 zu ersten Massakern
an den Tutsi, die zu Zehntausenden in die umliegenden Nachbarstaaten und
insbesondere ins südlich gelegene Uganda flüchteten. Von dort
griffen im gleichen Zeitraum monarchistische Rebellengruppen mehrmals
Ruanda an.
Ruhe und eine gewisse autokratische Stabilität kehrten erst wieder
nach dem Putsch von General Juvénal Habyarimana in Jahre 1973 ein.
Ein moderater wirtschaftlicher Aufschwung machte Ruanda zum „Entwicklungsmusterland“
und zog zahlreiche Entwicklungshilfebemühungen an. Darunter auch
das Bundesland Rheinland-Pfalz, dass 1982 partnerschaftliche Beziehungen
zum Land der tausend Hügel aufnahm, die bis heute bestehen.
In den 1980er Jahren nehmen die wirtschaftlichen Probleme erheblich zu.
Das ungelöste Flüchtlingsproblem belastet Ruanda. Die latenten
ethnischen Spannungen können mühelos erneut politisiert werden
als die in Uganda erstarkte Rebellenarmee FPR (Ruandische Patriotische
Front) 1990 Ruanda angreift. Die Ziele des Eingreifens sind umstritten.
Die einen sprechen vom Wunsch, die Militärdiktatur zu beenden und
den Flüchtlingen der 1960er Jahre eine Rückkehr in die Heimat
zu ermöglichen. Die anderen sehen im FPR-Angriff eine machtpolitisch
motivierte Bürgerkriegsoffensive, die darauf abstellte, die Tutsi
wieder an die Macht in Kigali zu bringen. Zähe Friedensverhandlungen
führen zum Vertrag von Arusha, zu dessen vollständiger Umsetzung
es nie kommt. Stattdessen beginnt in der Nacht vom 6. auf den 7. April
1994 ein lange vorbereiteter Völkermord an den Tutsi und moderaten
Hutu im ganzen Land, der erst am 4. Juli mit der Einnahme Kigalis durch
FPR-Truppen unter der Führung Paul Kagames ein Ende findet. Etwa
800.000 unmittelbare Opfer des Genozids sind zu beklagen. Hinzu kommen
die zahlreichen Opfer unter den zwei bis drei Millionen Menschen, die
sich aus Angst vor Vergeltungsschlägen der FPR in die Nachbarländer,
insbesondere nach Zaire, flüchten und dort an Krankheiten sterben
oder getötet werden.
Heute regiert Kagame als gewählter Präsident
Ruandas. Das im Mai 2003 mit überwältigender Mehrheit angenommene
Verfassungsreferendum öffnete die Tür für die ersten Wahlen
auf nationaler Ebene seit der ruandischen Unabhängigkeit im Sommer
2003. Die Wahlbeobachter der Europäischen Union konnten im Verlauf
des Referendums keine bedeutenden Zwischenfälle notieren. Die Kritik
an den Präsidentschaftswahlen fiel hingegen deutlich schärfer
aus. Die EU-Mission spricht im Bericht über die Präsidentschaftswahlen
von ungleichen Chancen, beobachtete besorgt das Verschwinden und Verhaftungen
von Oppositionellen und bemerkte die vielfältige Anwendung des Divisionismusvorwurfs.
Positiv anzumerken bleibt, dass bei beiden Wahlen der Zugang zu den öffentlichen
Medien fair gewährleistet war. Bei einer Wahlbeteiligung von 96,6
% erhielt Kagame 95,1 % der Stimmen. Von den beiden Schaukandidaten verblieb
nur Jean Népomuscène Nayinzira im Rennen und erhielt 1,3
%. Die einzige Frau unter den Bewerbern hatte ihre Kandidatur vor der
Wahl zurückgezogen und rief zur Stimmabgabe für Kagame auf.
Faustin Twagiramungu, der nach 1994 kurzzeitig Premierminister war und
anschließend ins belgische Exil ging, kam auf 3,6 % der Stimmen
mit Spitzen in den städtischer geprägten Provinzen.
Bereits im ersten Halbjahr 2003 wurde die PARMEHUTU-Nachfolgepartei MDR
bezichtigt, die Spaltung des Landes entlang ethnischer Linien zu betreiben
und entsprechend der gültigen Rechtslage verboten. Zur Parlamentswahl
zugelassen wurden schließlich das Parteibündnis des Präsidenten
mit einem gewaltigen Übergewicht der FPR, daneben die PL (Liberale
Partei), die PSD (Sozialdemokratische Partei) und die in mittelbarer Nachfolge
zur MDR neugegründete PPC (Fortschritts- und Einigkeitspartei).
Das Ergebnis der Wahlen: Das FPR-Bündnis erhielt 73,8 % der Stimmen,
PL 10,6 % und PSD 12,3 %. Die PPC schaffte mit 2,2 % nicht den Sprung
über die Fünfprozenthürde. Die unabhängigen Kandidaten
können vernachlässigt werden. Die Wahlbeobachter der EU beklagen
in Ihrem Bericht über die Parlamentswahlen vor allem, dass es oppositionellen
Parteien nicht so leicht möglich war, Wahlkampf zu betreiben, wie
der FPR. Die Wahlen seien zwar ruhig und geordnet verlaufen, Fälle
von Unregelmäßigkeiten und Betrug seien dennoch vorgekommen.
Interessant erscheint die Aussage der europäischen Beobachtermission,
dass die Wahlbeteiligung signifikant geringer gewesen sei als bei der
Präsidentschaftswahl. Die offizielle Quote liegt mit 96,5 % gleichauf
mit der Beteiligung am Urnengang für den Staatschef.
Die Einschätzung der französischsprachigen Wochenzeitschrift
für afrikanische Politik JAI (Jeune Afrique/ l’intelligent)
kann somit geteilt werden: Kagame ist heute stärker denn je. Aber
auch daran erinnert der JAI-Bericht: Ein formal demokratisch gewählter
Präsident kann seine Politik nicht mehr mit der besonderen Lage eines
Ausnahme- bzw. Übergangszustandes begründen. Wenn die gewählte
ruandische Regierung es ernst meint mit der Demokratie, muss sie ihre
Politik der öffentlichen Kritik aussetzen und der Möglichkeit
ins Auge sehen, bei der kommenden Parlamentswahl in fünf Jahren ihre
Mehrheit zu verlieren. Die Aussichten für eine demokratische Zukunft
Ruandas könnten durchaus schlechter sein.
Alexander Stroh arbeitet als freier Mitarbeiter für
das Zeitlupe-Magazin.
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