| Eine Insel schwimmt an Land
Vom madagassischen Wandel am geographischen Rande Afrikas
von Benjamin Kirchner
Die viertgrößte Insel der Welt,
vor der Ostküste Afrikas gelegen, scheint schon durch flüchtige
Blicke auf Landkarten jedem ein Begriff zu sein. Auch in der deutschen
Kinderwelt durch jenes Volkslied, das von der „Pest an Bord“
eines vor diesem Eiland liegenden Schiffes erzählt, ist der Inselstaat
als Inbegriff von Abenteuer und unentdeckter Welt bekannt. Für einen
Großteil der deutschen Bevölkerung wie auch der politischen
Öffentlichkeit verkörpert sie aber den Ausdruck von Fremdheit
und Exotik. Madagaskar – ein Hauch von unentdeckter Welt am Rande
Afrikas.
HANNOVER (Zeitlupe) – Über solch oberflächliche
Eindrücke hinaus findet man fast ausschließlich unter Geographen
und Biologen in Deutschland noch ein halbwegs reges Interesse an dieser
Insel, das auf ihrer Einzigartigkeit beruht: Die madagassische Natur –
bis vor etwa 1500 Jahren noch unberührt von Menschenhand –
stellt ein Paradies dar. Was Entwicklungshilfe und Politik betrifft, ist
das deutsche Interesse, obwohl Madagaskar zu den „least developed
countries“ gehört, sehr eingeschränkt. So wurde die finanzielle
Zusammenarbeit Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts sogar
auf Eis gelegt, was vor allem mit Verweis auf das politische Unvermögen
der herrschenden Kasten und die Unfähigkeit der madagassischen Bevölkerung,
sich von diesen zu lösen, begründet wurde.
Die politische Wende
Inzwischen wurde im Jahr 2002 durch die Abwahl des diese Eliten repräsentierenden
Präsidenten Ratsiraka aber eine politische Wende eingeleitet –
in der für ehemalige Kolonien vielleicht typischen Art und Weise.
So hatte der Wahlerfolg des Präsidentschaftskandidaten der Opposition,
Ravalomanana, zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen geführt,
die teilweise einen wirtschaftlichen Zusammenbruch sowie weitere schwerwiegende
soziale Folgen mit sich brachten. Zu diesen kam es, weil Ratsiraka seine
Wahlniederlage nicht anerkannte und daher zu verschiedenen Mitteln griff,
um seine Macht zu erhalten. Zunächst provozierten Wahlfälschungsversuche
vor allem in den großen Städten einen Generalstreik der Bevölkerung,
der wiederum von dem eigentlichen Wahlsieger Ravalomanana eingeleitet
und unterstützt wurde. Ratsiraka bekämpfte die Aufstände
mit Gewalt. So konnte er vorerst den direkten Wahlsieg Ravalomananas verfälschen
und einen zweiten Wahlgang ankündigen. Es waren nicht etwa westliche
Diplomaten, die das Volk zu Protesten animierten – von dieser Seite
unterstützte man Ratsiraka als politische Kraft sogar nach wie vor
– vielmehr waren es die sich ausweitenden Proteste auf den Straßen,
die schließlich Ravalomanana dazu bewegten, sein Amt entgegenzunehmen,
wie es formell auch sein Recht war. Letzten Endes konnte Ratsiraka sich
dem Druck nicht widersetzen und flüchtete mit seiner Familie in das
ihm wohlgesonnene Frankreich, während Ravalomanana international
als Präsident Madagaskars anerkannt wurde. Damit vollzog sich der
erste demokratische Machtwechsel in der seit 1992 bestehenden Präsidialrepublik,
die auch zweite Republik genannt wird.
Unregierbar
Gut drei Jahrzehnte zuvor, am 26. Juni 1960, war Madagaskar von Frankreich
unabhängig geworden, nachdem es seit 1896 zu den französischen
Kolonien gezählt hatte. Vor dieser Zeit galt die Insel lange als
unregierbar. 1500 von dem Portugiesen Diego Diaz ‚entdeckt’,
versuchten Engländer und Franzosen seit Mitte des 17. Jahrhunderts
immer wieder vergeblich ihre zunächst wirtschaftlichen, später
imperialistischen Ziele in Madagaskar zu etablieren und auszuweiten. Nachdem
die beiden Großmächte sich 1890 schließlich geeinigt
hatten, ihre Interessensphären aufzuteilen – Sansibar wurde
nach Abschluss des Helgoland-Sansibar-Vertrags zwischen dem Deutschen
Kaiserreich und der englischen Krone britisch, Madagaskar französisch
– wurde die Insel am 6. August 1896 per Gesetz von Frankreich annektiert.
Vom Konstrukt eines willkommenen Gegensatzes
und der madagassischen Identität
Bei den vielfältigen Problemen der Einnahme Madagaskars sowie in
der folgenden Kolonialzeit wurde ein heute zwar nahezu gänzlich in
Frage gestelltes, aber sogar noch den politischen Argumentationen Ratsirakas
zugrunde liegendes politisches Analysekonzept Madagaskars entworfen. In
diesem wurde traditionell der Unterschied der „Merina“, der
Bevölkerung der madagassischen Hochebenen, und der „Côtiers“,
der Bevölkerung der Küsten, zu einem unvereinbaren Gegensatz
erhoben und somit politisch als unlösbar erklärt. Zuletzt versuchte
Ratsiraka diese Unterscheidung in traditionelle Denkstrukturen zu instrumentalisieren
um so Ravalomanana als Vertreter nur eines Teiles der Bevölkerung,
der Merina, erscheinen zu lassen und damit auf der anderen Seite Widerspruch
zu provozieren. Demgegenüber wird heute aber betont, dass die madagassische
Bevölkerung zwar verschiedene Gruppen aufweise, so seien alleine
historisch afrikanische und asiatische Einflüsse nachweisbar, es
jedoch mittlerweile auch eine gesamtmadagassische Identität gäbe,
deren auffälligstes Indiz die gemeinsame Sprache sei: das Malegasch.
Am Rande des Kontinents – am Rande des
Interesses?
Die die Zukunft dieser Insel bestimmenden Fragen sind heute nicht mehr
die Unterschiede unter eventuellen ‚Pseudo-Ethnien’. Es stellt
sich nun die Frage, inwieweit Ravalomanana wirklich in der Lage ist, die
Korruption der politischen Eliten zu verringern, nachdem Gehaltserhöhungen
als probates Gegenmittel zunächst abgelehnt wurden. Allein Personal
zu ersetzen, was bereits getan wurde, dürfte dabei nicht ausreichen.
Innenpolitisch wird auch das Thema der Dezentralisierung länger die
Debatte prägen, sowie natürlich Grundlagen für einen wirtschaftlichen,
das heißt zunächst vor allem infrastrukturellen, Aufbau Madagaskars
zu schaffen. International stehen Bemühungen, bei internationalen
Geberkonferenzen sowie in Internationaler Währungsfonds (IWF) und
Weltbank für finanzielle Unterstützung Madagaskars durch das
Ausland zu sorgen, zunächst im Vordergrund. Frankreich betonte bei
einer solchen Konferenz der „Freunde Madagaskars“ im Jahr
2002, bei der dem Land rund 2,5 Milliarden US-$ Hilfe zugesprochen worden
waren, wichtigster Geldgeber bleiben zu wollen. Trotz derartiger Hilfe
aus den sogenannten Industrieländern ist für Madagaskar aber
vor allem das Verhältnis zum afrikanischen Kontinent von grundlegender
Bedeutung. Nicht alle afrikanischen Staaten und auch nicht die „Organization
of African Unity“ (OAU, heute: African Union (AU)) hatten Ravalomanana
direkt nach seiner Wahl anerkannt. Nachdem sich Südafrika als bedeutendster
wirtschaftlicher Partner aber hinter die neue Regierung stellte und Madagaskar
in der Southern African Developement Community (SADC) einen Beitrittsantrag
einreichte, der bis heute allerdings noch keine positiven Folgen nach
sich zog, dürfte die internationale Einbindung wenigstens auf afrikanischer
Ebene eingeleitet sein. Die Richtung jedenfalls, eine stärkere regionale
Integration im südlichen Afrika, scheint klar zu sein. Zwar liegt
Madagaskar nach wie vor am geographischen Rande Afrikas. Nach der Einleitung
von entscheidenden Reformen liegt der Inselstatt bestimmt aber nicht mehr
am Rande des (afrikanischen) Interesses. Die Orientierung zum Kontinent
lässt sich auch bildlich ausdrücken: Eine Insel schwimmt an
Land!
Benjamin Kirchner arbeitet als freier Mitarbeiter
für das Zeitlupe-Magazin.
Fläche:
587 000 km² (Weltrang 44)
Einwohner: 15 976 000
(27 je km²)
Bruttosozialprodukt je Einwohner: 260 $
Wert der Landeswährung, 1 Euro = Landeswährung:
6 967 Madagaskar-Franc
Arbeitslosigkeit von Madagaskar, Arbeitslosenquote: 6
% (1995)
Inflationsrate von Madagaskar im Durchschnitt: 1990-2001:
17,9 % 1990-1999: 20,6 %
Auslandsverschuldung von Madagaskar in Millionen US-$:
4 160 4 409
Weiterführende Literatur:
Osterhaus, Andreas: Madagaskar,
Beck’sche Reihe Länder, München, 1997.
Hofmeier, Rolf/ Mehler, Andreas (Hrsg.): Afrika Jahrbuch 2002, Opladen:
Leske+Budrich, 2003, S.292-299.
Bertaux, Pierre: Madagaskar, in: Fischer Weltgeschichte: Afrika. Von der
Vorgeschichte bis zu den Staaten der Gegenwart, 13. Aufl., Frankfurt am
Main, 1999, S. 330-352.
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