| Februar 2005 |
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Zeitlupe - das online-magazin |
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| Offene Karten statt geschlossene Gesellschaften Zur Verleihung des Medienpreises Entwicklungspolitik 2004 Von -X- Die Entwicklungspolitik fristet nach wie vor ein Nischendasein. Der Medienpreis Entwicklungspolitik kann daran etwas ändern. Am 1. Dezember 2004 wurde er zum 28. Mal verliehen. Doch Bundespräsidialamt und Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) verschlafen ihre Möglichkeiten – und katapultieren damit entwicklungspolitische Fragestellungen noch weiter ins Abseits. Die Erdebeben- und Flutkatastrophe in Südasien zeigt einmal mehr, dass für die Ausgestaltung entwicklungspolitischer Konzepte kaum etwas so bedeutsam ist, wie die Herstellung einer breiten Öffentlichkeit. Durch die Medienwirksamkeit jener beispiellosen Katastrophe konnten finanzielle, materielle und personelle Ressourcen in bis dahin ungekanntem Umfang freigesetzt werden. Die Welt ist in diesen Tagen tatsächlich zum vielzitierten „globalen Dorf“ geworden. Informationen vom anderen Ende der Erde flimmerten den ganzen Tag auf den Fernsehschirmen in deutschen Wohnzimmern – und ermöglichten eine bilderbuchartige internationale Solidarität. Leider, so möchte man fast zynisch behaupten, werden die wenigsten Themen der Entwicklungszusammenarbeit von solch medienwirksamen Ereignissen begleitet. Denn, so furchtbar sich derlei Katastrophen auch darstellen: Wäre dies der Fall, gehörte Entwicklungspolitik zu den Disziplinen, die von größtem öffentlichen Interesse sind. Doch zum Glück gibt es noch eine weitere Möglichkeit, aus dem ungerechtfertigten Nischendasein ins mediale Zentrum zu gelangen: durch Inszenierung von medienwirksamen Ereignissen, natürlich nur dort, wo dies legitim ist. Was soll das heißen? Das heißt, dass bestimmte medienwirksame „events“ konstruiert werden, um das Interesse der Öffentlichkeit auf ausgewählte Themen zu lenken. Denn dort, wo „was los ist“, blicken auch die Medien hin – weil dort die Menschen hinblicken. Dies gilt um so mehr für Themen, die nicht vor der eigenen Haustür stattfinden, sondern sich wie im Falle entwicklungspolitischer Themen in räumlich weit entfernten Teilen dieser Welt ereignen. Durch ein „event“ in der Heimat, können solche Themen auch im gutbürgerlichen deutschen Wohnzimmer von Interesse sein. Der Medienpreis Entwicklungspolitik, der bis 1999 noch unter dem Titel „Journalistenpreis Entwicklungspolitik“ verliehen wurde, stellt ein solch inszeniertes Ereignis dar. Hier werden alljährlich herausragende journalistische Beiträge in den Kategorien Fernsehen, Hörfunk und Print gewürdigt. Journalisten und Journalistinnen, die durch besondere Rechercheleistungen und inhaltliche Genauigkeit in ihren Beiträgen auf Missstände, Probleme oder Spannungen bei ausgewählten entwicklungspolitischen Fragestellungen aufmerksam machen, werden von Bundespräsidialamt und BMZ für ihre Leistungen geehrt. Dadurch entsteht ein interessanter Doppeleffekt. Erstens gelangt Entwicklungspolitik auf die öffentliche Agenda, obwohl eigentlich gar nichts geschehen ist. Es hat kein Ereignis stattgefunden, von dem berichtet werden müsste, sondern es wurde ein Ereignis geschaffen: die Preisverleihung. Zweitens gelangen entwicklungspolitische Themen noch einmal in die öffentliche Diskussion, die dort schon längst gewesen sind, nämlich die Inhalte der gewürdigten Beiträge – und das wird diesen durchaus gerecht. So gibt es auch für das Jahr 2004 sechs ehrwürdige Preisträger. Neben allgemeinen Beiträgen zu gefälschten Medikamenten und deren Folgen für Entwicklungsländer (Thomas Kruchem, Beitrag für SR 2 Kulturradio) und zu den Schattenseiten der Globalisierung im Kontext der Arbeit der Welthandelsorganisation (WTO) (Harald Schumann, Beitrag im Spiegel) und Beiträgen zu Kambodscha (Christian Tenbrock, Beitrag in der ZEIT) und Indien (Jutta Schmidt-Glöckler, Beitrag für SWR 2 Wissen) wurde mit Jihan El-Tahris TV-Dokumentation „Der inszenierte Hunger“ auch ein Thema mit konkretem Afrikabezug aufgegriffen. Die gebürtige Jordanierin stellt in diesem Beitrag unglaublich überzeugend die vielen unterschiedlichen Interessenbande dar, die im Zusammenhang mit der Vergabe von Nahrungsmittelhilfe in von Hungersnöten oder wenigstens Nahrungsmittelknappheit bedrohten Staaten auftreten. Dabei erklärt sie auch, warum einige Länder wie das im südlichen Afrika gelegene Sambia die US-amerikanische Hilfe ablehnten: Es stellte sich heraus, dass die Gefahr einer Hungersnot vollkommen übertrieben wurde. Eine aufwendige Recherche konnte schließlich den bösen Verdacht bestätigen: Die agrarische Überproduktion aus den sogenannten Industrieländern kann auf diesem Wege kostengünstig abgesetzt und das Produktionsvolumen beibehalten werden. Bei der Verleihung des Medienpreises Entwicklungspolitik 2004 ist es den Veranstaltern mit einem ansprechenden und rundum überzeugenden Rahmenprogramm gelungen Jihan El-Tahri und die anderen Preisträger angemessen zu würdigen. Die musikalische Untermahlung mit der klangvollen Stimme von Senait Mehari, die bald ein Buch über ihre Flucht aus Äthiopien über den Sudan nach Deutschland veröffentlichen wird, bettete die ernsten Themen auf weichere Kissen. Ein gelungener Abend, so möchte man meinen, der allen Beteiligten viel gegeben haben wird – doch genau hier liegt das Problem. Die Würdigung der Beiträge wird leider der Öffentlichkeit nicht gut genug zugängig gemacht. Statt die Gelegenheit beim Schopf zu greifen und eine gelungene Veranstaltung als medienwirksames „event“ zu inszenieren, findet sich an jenem Abend nur eine kleine Hundertschaft geladener Gäste im prunkvollen Meistersaal am Potsdamer Platz zusammen. Bundespräsidialamt und BMZ setzen auf eine geschlossene Gesellschaft, vielleicht um die Feierlichkeit zu wahren, vielleicht um die Organisation und die Kosten im Rahmen zu halten. Dementsprechend findet das Echo in der Öffentlichkeit statt – nämlich so gut wie gar nicht. Die Zeitungen berichten höchstens mit kleinen Randmeldungen, der Medienpreis Entwicklungspolitik ist in der öffentlichen Diskussion kein Thema. Abgesehen von einigen Fachidioten, von eben jener entwicklungspolitischen Nische scheint kaum jemand von der Verleihung Notiz genommen zu haben. Die Veranstalter verpassen damit eine große Chance, dass voranzutreiben, wofür wir alle uns doch ständig engagieren: eine größere Öffentlichkeit, ein größeres Interesse und mehr Zuwendung für entwicklungspolitische Themen herzustellen. Dieser Medienpreis ist eine großartige Institution. Es liegt in
den Händen von Bundespräsidialamt und BMZ ihm auch die entsprechende
Würdigung in der Öffentlichkeit zukommen zu lassen und seine
Wirkung um ein vielfaches zu steigern. Wir müssen endlich 'raus aus
der Nische – der Medienpreis Entwicklungspolitik 2005 ist eine gute
Gelegenheit!
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