Februar 2005

Zeitlupe - das online-magazin

Eine Cubata, eine weiße Wandtafel und der Schnurrbart des Übersetzers

(TEIL 2) zurück zu Teil 1

Von Pedro Cardoso

Der Portugiese Pedro Cardoso hat mehrere Monate in Angola als Journalist gearbeitet. Seine Erlebnisse und Erinnerungen hat er in unterschiedlichen portugiesischen Medien in gekürzter Form veröffentlicht. Dabei versuchte er durch besondere stilistische Mittel, wie der Verwendung von teilweise sehr langen und verschachtelten Sätzen, die bizarre Verhandlungsweise im angolanischen Hochland nachzuempfinden. Die ZEITLUPE macht diese besonderen Eindrücke nun auch der deutschen Leserschaft in ungekürzter Form zugänglich. Lesen Sie heute den zweiten von drei Teilen und verschaffen Sie sich damit Zugang zu der Landbevölkerung eines Staates, der vom Zerfall bedroht ist.

Die Liste der Notwendigkeiten ist lang. Die Eingreifer der verschiedenen humanitären Organisationen werden als Dilettanten mit guten Absichten wahrgenommen. Es wird auf Spenden des Welternährungsprogramms hingewiesen, die auf „verfaulten Maissamen, die der hiesigen Erde nicht angepasst sind“ beruhen und „nicht einmal keimen“, wie einer der Ältesten erzählt. Er trägt ein gelbes Hemd, auf dem die robusten und vitalen Gesichter von Michael Owen und David Beckham zu sehen sind...

Eine Militante des „Jota“ bittet um das Wort und lehnt sich gegen die Wagen auf, die im Zuge eines Kooperationsprojektes gespendet wurden, aber nicht verwendet werden können, weil „sie nicht bedachten, dass auch Vieh benötigt wird, um die Karren zu ziehen“.

Beschwerden werden in die Zigeunersprache übersetzt. Ein Schnurrbart in mehreren piekenden Bewegungen, gemäß der Worte, die die Lippen des kleinen und dünnen Übersetzers Samuel Chissapa passieren. Lange portugiesische Sätze klingen nur ein paar Sekunden in der Sprache des zentralen angolanischen Hochlandes. Manchmal ist es auch genau umgekehrt.

Es wird um eine Liste der Bodenschätze der Region gebeten. Bodenschätze? Aber was sind „Bodenschätze“? Aufruhr, Blicke wechseln zwischen den Wortführern hin und her. „Wir brauchen Tische“, sagt jemand. „Nein, Bodenschätze sind nicht Bedürfnisse, sondern das, was die Erde gibt, die Anbaukulturen, Wild, Fischbestände, Holz“, erklärt Ana Teresa zum wiederholten Male. Konfuse Übersetzung, Konzepte und Referenzen mit schwieriger Korrespondenz.

All das existiert, enthüllt sich am Ende der großen Wortschlacht. Man weiß also, durch die Ältesten, dass es in der „Kolonialzeit“ Maniok-, (Brech-)Bohnen-, Reis-, Weizen- und Kartoffelplantagen gab. Es wird auch von Flussfischen, von Wild und großen Holzvorkommen geredet. „Ihr seid reich!“, ruft die Gesprächspartnerin aus. Einige Personen verlassen den Raum. Es muss mit den Vorbereitungen für die Ankunft der Ministerin weitergemacht werden.

Den Wechsel (heraus)fordern

Die Arbeit mehrerer NGOs während des Krieges, die, wenn es möglich war, dafür sorgten, dass Nahrungsmittel und andere Güter zur Deckung der Grundbedürfnisse die Bevölkerung erreichten, schaffte laut Ana Teresa einen „Schwund im Hinblick auf Initiativ-, Produktions- und Entwicklungsgeist“. Die Tatsache, dass die Bevölkerung „erst vor kurzem dem Kommunismus abgeschworen hat“, bringt die Repräsentantin von Movimondo dazu zu denken, dass „der Staat alles für sie sein muss“. Gegen diese Tendenz ist es ihrer Meinung nach jetzt notwendig, „aufzuzeigen, dass es Probleme gibt, die lokal gelöst werden können, ohne dass es notwendig ist, dass gleich Geldmittel aus dem Ausland kommen“.

Dann beginnt die Herausforderung in der kleinen Cubata, die aus Weiden gebunden und mit einem Stoppelfelddach dasteht. Die Bevölkerung wird darum gebeten, „Problemlösungen ohne Hilfe von außen“ zu finden. Stille. Die Anwesenden schauen sich einer nach dem anderen an. Der Soba von Lomba, eine traditionelle Autoritätsperson mit einer blauen Tracht und hohen Alters, MPLA-Pin am Revers und eine Militärmütze in der Hand, befindet sich mit hängendem Kopf in einem mehr oder weniger tiefen Traum.

Ana Teresa beharrt: „Ich weiß, dass die Regierung bei vielen Dingen handeln muss, aber es gibt andere Probleme, die wir sehr wohl zu Hause lösen können. Auch wenn ihr arm seid, wird das leichter sein, oder?“. Die Köpfe bewegen sich, als seien sie einverstanden, die Münder schließen sich in dem Moment, in dem Lösungen gefunden werden sollen. „Stellt euch vor“, beharrt Ana Teresa weiter, „ihr habt gesagt, dass ihr viel Holz hättet, stimmt’s? Also könntet ihr euch zusammentun und Bänke und Tische für die Schulen bauen“. „Es fehlen Nägel und ein Geschäft, wo man sie kaufen kann“, unterbricht ein Tischler aus der Region.

Mängel werden gepredigt, wenn um Prioritäten gebeten wird. Fünf Prioritäten. „Prioritäten“, „prioritär“, „was am dringendsten ist“, „Dringlichkeit“, „am wichtigsten“, fremde Konzepte, die neue Verwirrung auslösen und die dem Übersetzter noch mehr Gesten und Worte entreißen. Ein intensiver Kampf, unverstehbare Silben, von einer Seite auf die andere lanciert. „Wie soll man zu Personen, die nichts haben und denen alles fehlt von Prioritäten sprechen?“, wird Ana Teresa später sagen.

Prioritäten in Cambândua definieren. Eine warme Cubata, verschwitze Fahnen auf dem Platz im Zentrum, ansteigende Hitze – schließlich werden Lösungen gefunden: „Der Bau eines Gesundheitsamtes“ („Seid ihr damit alle einverstanden?“ – „Ja, wir sind einverstanden“), „Lehrer und Unterrichtsmaterial für die Stufen über der vierten Klasse“, „Ausdehnung des Gesundheitssystems auf die umliegenden Regionen“, „Gewinnung von Originalsamen“, „Schuluniformen“. Schuluniformen? „Schuluniformen sind eine Priorität für euch?“, fragt Ana Teresa. „Ja“, antworten sie kopfnickend. „Würdet ihr Wasser nicht bevorzugen, ist das nicht wichtiger als die Uniformen?“ fragt sie beharrlich. „Ja, das ist es“, antworten sie wieder und auf die gleiche Art mit abgestimmten Kopfbewegungen.

Die Versammlung ist beendet. Es werden Dosen mit Erfrischungsgetränken für alle verteilt. Eine warme Cubata mit kohlensäurehaltiger Erholung. Um die Ältesten, die in ihrem Leben schon viele Dinge gesehen haben, aber niemals diese seltsamen Dosen, scharen sich Ringe von Frauen, ihre Körper in gelbe Tücher gehüllt, mit Fingern und Lippen, die nicht wissen, wie sie an die leckere schwarze Flüssigkeit gelangen sollen. Eine perfekte Werbeanzeige, in der Strohhütte eines verlorenen Ortes in Afrika. Rote Dosen in den Händen derjenigen, die die Zukunft Cambânduas in ihren Händen halten.

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