Februar 2005

Zeitlupe - das online-magazin

Frankreich und Afrika – eine enge Beziehung unter sich stark verändernden Vorzeichen

Von der Kolonialpolitik zur Frankophonie

Von Benjamin Kirchner

Sowohl für den Handel und seine Entwicklung wie auch im Zusammenhang konkreter Entwicklungspolitik spielen die Industrienationen eine bedeutende Rolle für Afrika in der Gegenwart und in der Zukunft. Oftmals haben sie zugleich in den Kolonialzeiten und den konfliktreichen Phasen der Entkolonialisierung Probleme erst geschaffen, stimuliert oder provoziert. In der hier beginnenden Länderserie möchten wir deshalb versuchen die Beziehungen dieser Staaten zu Afrika unter einem Fokus zu analysieren, der den Besonderheiten dieser einzelnen Beziehungen gerecht werden soll. Schließlich versuchen wir diese Historien in den Zusammenhang einer europäischen Afrika-Politik zu stellen, um so deren einzelnes Gewicht für die Entwicklung der Beziehungen zwischen Afrika und EUropa aufzuzeigen. Den Beginn macht Frankreich...

Scheint die Beziehung zwischen Frankreich und Afrika heute so selbstverständlich wie die eines alten Ehepaares, wenn auch nicht immer problem- bzw. konfliktfrei, so doch wenigstens stets vorhanden, hat dieses Paar dennoch lange gebraucht um zueinander zu finden und dabei nicht wenige Konflikte durchlaufen. Der Fortbestand dieses Bandes auch für die Zukunft scheint indes sicher – wenn auch unter veränderten Vorzeichen.

HANNOVER (Zeitlupe) – Entgegen dem geläufigen Eindruck führte Franreichs Entwicklung zur Kolonialmacht nicht sofort und nicht direkt durch und nach Afrika. Die Zeit des ersten Empires (1533 bis 1815) war noch geprägt von einer Orientierung nach Amerika. Erst nach vermehrten Rückschlägen und Niederlagen im Ringen der Kolonialmächte und dem daraus folgenden zweiten Pariser Friede im Jahre 1815, wo man lediglich einige Inseln in der Karibik, dem Indischen Ozean und dem Südpazifik in seiner Macht behielt, orientierten sich Frankreichs Kolonialbestrebungen auch nach Afrika. Zunächst aus Prestigegründen wurde 1830 Algerien okkupiert, ehe der Wettkampf mit Großbritannien wieder voll entfachte und die Einnahme verschiedener Länder im Nahen Osten und im Osten Afrikas folgte.

Afrika als letzte Option auf dem Weg zur Kolonialmacht
Alternativ zum britischen Versuch in Afrika eine Linie Kairo-Kapstadt aufzubauen, wurde das Bestreben verfolgt, eine West-Ost-Verbindung in Afrika zu schaffen. So kam es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht zufällig zur Besetzung vor allem Äquatorial- und Westafrikas und somit zur Schaffung einer Einflusssphäre Frankreichs, die bis in die Gegenwart für französische Politik auf dem afrikanischen Kontinent von Bedeutung ist. So wird die Entwicklungspolitik zu den afrikanischen Staaten südlich der Sahara, unter denen sich 17 ehemalige französische Kolonien befinden, durch das Ministerium für Zusammenarbeit gelenkt, während für die Kooperation mit den übrigen Entwicklungsländern das Außenministerium zuständig ist. Erst 1995 wurde die Zuständigkeit des Kooperationsministeriums auf alle AKP-Staaten (siehe Lexikon) ausgeweitet.

Kolonialpolitik unter anderen Vorzeichen
Doch nicht erst heute weist die französische Politik in den Beziehungen zu seinen ehemaligen Kolonien einige Besonderheiten auf. Bereits der Kolonialismus französischer Prägung selbst fiel dadurch auf, dass er über die üblichen kolonialistischen Ziele ökonomischer und militär-strategischer Art hinaus, vor allem durch zwei weitere Merkmale gekennzeichnet war. Im Sinne einer noch aus der Zeit der Kreuzzüge stammenden Vorstellung einer „mission civilisatrice“ lagen der Kolonialpolitik Frankreichs zum einen das Konzept der Assimilation und zum anderen das der „direkten Verwaltung“ zu Grunde.

Besondere Kolonialpolitik, ...
Das Konzept der Assimilation beruhte auf der Vorstellung die eroberten Territorien sowie die dazugehörigen Menschen tiefgreifender unter dem Schirm einer französischen Gesellschaft zu integrieren. Der Grundgedanke der „direkten Verwaltung“ war wiederum die Ausweitung des Zentralismus über das Hexagon, wie der französische Staat im Hinblick auf seine territoriale Beschaffenheit auch genannt wird, hinaus. Man wollte also ein nach Frankreich und Paris orientiertes, hierarchisch strukturiertes Verwaltungssystem schaffen. Nicht zuletzt waren es auch die durch jenes System begünstigte enge Bindung der Kolonialgebiete an das Mutterland sowie das Verständnis von Frankreich über sein europäisches Territorium hinaus, die es der französischen „Résistance“ zur Zeit der deutschen Besatzung Frankreichs ermöglichen sollten, eine Rückzugsbasis zu haben. In Bezug auf das Verhältnis Frankreichs zu seinen Kolonien ist dieses missionarische Konzept der Verbreitung des Französischen und der Vorstellung der „L’exception française“ bis heute prägend geblieben.

...besondere Probleme...
Dies allerdings auch unter negativen Vorzeichen. So stellte sich vor diesem Hintergrund die Emanzipation der Kolonien wie auch ihrer Gesellschaften als besonders problematisch dar, weil damit das Idealbild der Assimilation wiederum dem der Unabhängigkeit gegenübergestellt wurde. Und dieses Idealbild wurde nicht zuletzt wegen seiner augenscheinlichen Diskrepanz zwischen Ideal und Realität problematisch. Nur wenigen Kolonien war Frankreich beispielsweise bereit, den formell vorgesehenen Status eines Departments zu ermöglichen, und ebenso waren es auch nur wenige Politiker oder Personen von größerem öffentlichen Interesse, denen es gelang die Anerkennung eines „évolue“ zu bekommen, eines Bürgers Frankreichs. Die Idee der Assimilation blieb somit in der Praxis in der Mehrzahl der Fälle eben nicht mehr als eine Idee.

...auch bei ihrer Überwindung.
In ihrer Wirkung auf die französische Politik fand sie jedoch auch noch in der Phase der Entkolonialisierung und dem besonderen Willen zum Festhalten an und damit auch oftmals zum Kampf um seine Kolonien ihren Ausdruck, wie die Beispiele Madagaskars 1947 und Algeriens 1958 bis 1962 für Afrika am deutlichsten zeigen. Diese Konflikte stellten sich eben auch wegen der von Frankreich verwehrten Ausweitung von Autonomie und Selbstverwaltung – geschweige denn von Souveränität – als konfliktreich dar. Der Konflikte zum Trotz sollte sich aber das Verhältnis Frankreichs zu seinen Kolonien gerade auch im afrikanischen Raum in besonderer Form weiterentwickeln. Ausschlaggebend hierfür war vor allem die Entscheidung mehrer ehemaliger Kolonien Französisch als Amtssprache einzuführen, wozu sich häufig unter dem Gesichtspunkt der Gefahr ethnischer Konflikte mit der Folge von Destabilisierung oder gar Zerfall von Staaten bei Anerkennung von Stammessprachen entschieden wurde.

Ein neuer gemeinsamer Rahmen: Frankophonie
Der alten Konkurrenz zu Großbritannien wurde hier ein neues Feld eröffnet, da Frankreich nun die Möglichkeit sah, der britischen Hegemonie auf dem afrikanischen Kontinent entgegenzuwirken. Es entstand die Idee der Frankophonie, die nun mehr umfassen sollte als nur den sich über den Globus erstreckenden französischen Sprachraum, wie es ursprünglich gedacht war. So lag sie auch dem zeitgleich im Jahre 1960 eingeleiteten franko-afrikanischen Dialog zu Grunde, der verschiedene Kooperationen in Bildung, Erziehung und Kultur in Form von Konferenzen, Assoziationen und anderen Initiativen umfasste. Die Einbindung Frankreichs in die Frankophonie wurde aber erst 1984 unter der Regierung des damaligen Staatspräsidenten Francois Mitterrand durch die Schaffung des „Haut Conseil de la Frankophonie“ und schließlich 1986 durch Kreierung der Frankophonie als Organisation institutionalisiert.

Frankophonie als Basis französischen Engagements in Afrika?
Seither verfolgt dieser Zusammenschluss aller 47 französischsprachigen Staaten, von denen 24 auf dem afrikanischen Kontinent liegen, das Ziel der Solidarität und verstärkten Zusammenarbeit sowie auch der Unterstützung vor allem der afrikanischen Staaten bei der Konfliktbewältigung. Dazu gehören ebenso technische und finanzielle Entwicklungszusammenarbeit wie die besondere Unterstützung im Rahmen internationaler Organisationen wie den Vereinten Nationen (United Nations, UN), der Europäischen Union (EU), dem Internationalen Währungsfond (IWF) oder der Weltbank. Umgekehrt profitieren die reicheren Mitgliedstaaten vor allem durch einen erleichterten Zugang zu wirtschaftlichen Märkten. Die Bedeutung der Frankophonie findet in Frankreich selbst ihren Ausdruck in dem 1988 speziell eingerichteten Staatsekretariat für die Frankophonie oder dem Fluss der französischen Entwicklungshilfe, die sich zu 80 Prozent in frankophone Staaten ergießt.

Frankophonie – ein Zukunftsprojekt?
Dennoch scheint die Frankophonie mehr zu sein als ein Interessenverbund vor allem wirtschaftlicher Art. Unter dem Druck der kränkelnden Weltwirtschaft sowie der Ausweitung der europäischen Integration mit ihren Auswirkungen auch im Bereich der Entwicklungspolitik scheint Frankreichs Einfluss im frankophonen Afrika in wirtschaftlicher und zunehmend auch militärischer Hinsicht zu schwinden. Dennoch wird der Frankophonie in der Zukunft kein Bedeutungsverlust prophezeit. Es sind die sprachlichen und eben die in jenem beschriebenen, langwierigen Prozess entstandenen historischen Verflechtungen, die Frankreich und weite Teile Afrikas in ein besonderes Verhältnis zueinander stellen – und beider Zukunft wechselseitig prägen werden.


Staaten der Frankophonie in Afrika: Benin, Burkina Faso, Burundi, Elfenbeinküste, Dschibuti, Gabun, Guinea, Kamerun, Demokratische Republik Kongo, Republik Kongo, Mali, Niger, Ruanda, Senegal, Togo, Tschad, Zentralafrikanische Republik, Komoren, Madagaskar, Mauritius, Seychellen, Algerien, Marokko, Mauretanien, Tunesien.

Weiterführende Literatur:

  • Mabe, Jacob E. (Hrsg.): Das kleine Afrika-Lexikon, Bonn 2004, S.64f.
  • Christadler, Marieluise/ Uterwedde, Henrik (Hrsg.): Länderbericht Frankreich – Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Bonn 1999, S. 484-500.
  • Informationen zur politischen Bildung, Nr. B6897F: Frankreich, Bonn 1994, S.56.
  • Haensch, Günther/ Tümmers, Hans.J.: Frankreich – Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, München 1998.


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