| Frankreich und Afrika – eine enge Beziehung unter
sich stark verändernden Vorzeichen
Von der Kolonialpolitik zur Frankophonie
Von Benjamin Kirchner
Sowohl für den Handel und seine Entwicklung
wie auch im Zusammenhang konkreter Entwicklungspolitik spielen die Industrienationen
eine bedeutende Rolle für Afrika in der Gegenwart und in der Zukunft.
Oftmals haben sie zugleich in den Kolonialzeiten und den konfliktreichen
Phasen der Entkolonialisierung Probleme erst geschaffen, stimuliert oder
provoziert. In der hier beginnenden Länderserie möchten wir
deshalb versuchen die Beziehungen dieser Staaten zu Afrika unter einem
Fokus zu analysieren, der den Besonderheiten dieser einzelnen Beziehungen
gerecht werden soll. Schließlich versuchen wir diese Historien in
den Zusammenhang einer europäischen Afrika-Politik zu stellen, um
so deren einzelnes Gewicht für die Entwicklung der Beziehungen zwischen
Afrika und EUropa aufzuzeigen. Den Beginn macht Frankreich...
Scheint die Beziehung zwischen Frankreich
und Afrika heute so selbstverständlich wie die eines alten Ehepaares,
wenn auch nicht immer problem- bzw. konfliktfrei, so doch wenigstens stets
vorhanden, hat dieses Paar dennoch lange gebraucht um zueinander zu finden
und dabei nicht wenige Konflikte durchlaufen. Der Fortbestand dieses Bandes
auch für die Zukunft scheint indes sicher – wenn auch unter
veränderten Vorzeichen.
HANNOVER (Zeitlupe) – Entgegen dem geläufigen
Eindruck führte Franreichs Entwicklung zur Kolonialmacht nicht sofort
und nicht direkt durch und nach Afrika. Die Zeit des ersten Empires (1533
bis 1815) war noch geprägt von einer Orientierung nach Amerika. Erst
nach vermehrten Rückschlägen und Niederlagen im Ringen der Kolonialmächte
und dem daraus folgenden zweiten Pariser Friede im Jahre 1815, wo man
lediglich einige Inseln in der Karibik, dem Indischen Ozean und dem Südpazifik
in seiner Macht behielt, orientierten sich Frankreichs Kolonialbestrebungen
auch nach Afrika. Zunächst aus Prestigegründen wurde 1830 Algerien
okkupiert, ehe der Wettkampf mit Großbritannien wieder voll entfachte
und die Einnahme verschiedener Länder im Nahen Osten und im Osten
Afrikas folgte.
Afrika als letzte Option auf dem Weg zur Kolonialmacht
Alternativ zum britischen Versuch in Afrika eine Linie Kairo-Kapstadt
aufzubauen, wurde das Bestreben verfolgt, eine West-Ost-Verbindung in
Afrika zu schaffen. So kam es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
nicht zufällig zur Besetzung vor allem Äquatorial- und Westafrikas
und somit zur Schaffung einer Einflusssphäre Frankreichs, die bis
in die Gegenwart für französische Politik auf dem afrikanischen
Kontinent von Bedeutung ist. So wird die Entwicklungspolitik zu den afrikanischen
Staaten südlich der Sahara, unter denen sich 17 ehemalige französische
Kolonien befinden, durch das Ministerium für Zusammenarbeit gelenkt,
während für die Kooperation mit den übrigen Entwicklungsländern
das Außenministerium zuständig ist. Erst 1995 wurde die Zuständigkeit
des Kooperationsministeriums auf alle AKP-Staaten (siehe Lexikon) ausgeweitet.
Kolonialpolitik unter anderen Vorzeichen
Doch nicht erst heute weist die französische Politik in den Beziehungen
zu seinen ehemaligen Kolonien einige Besonderheiten auf. Bereits der Kolonialismus
französischer Prägung selbst fiel dadurch auf, dass er über
die üblichen kolonialistischen Ziele ökonomischer und militär-strategischer
Art hinaus, vor allem durch zwei weitere Merkmale gekennzeichnet war.
Im Sinne einer noch aus der Zeit der Kreuzzüge stammenden Vorstellung
einer „mission civilisatrice“ lagen der Kolonialpolitik Frankreichs
zum einen das Konzept der Assimilation und zum anderen das der „direkten
Verwaltung“ zu Grunde.
Besondere Kolonialpolitik, ...
Das Konzept der Assimilation beruhte auf der Vorstellung die eroberten
Territorien sowie die dazugehörigen Menschen tiefgreifender unter
dem Schirm einer französischen Gesellschaft zu integrieren. Der Grundgedanke
der „direkten Verwaltung“ war wiederum die Ausweitung des
Zentralismus über das Hexagon, wie der französische Staat im
Hinblick auf seine territoriale Beschaffenheit auch genannt wird, hinaus.
Man wollte also ein nach Frankreich und Paris orientiertes, hierarchisch
strukturiertes Verwaltungssystem schaffen. Nicht zuletzt waren es auch
die durch jenes System begünstigte enge Bindung der Kolonialgebiete
an das Mutterland sowie das Verständnis von Frankreich über
sein europäisches Territorium hinaus, die es der französischen
„Résistance“ zur Zeit der deutschen Besatzung Frankreichs
ermöglichen sollten, eine Rückzugsbasis zu haben. In Bezug auf
das Verhältnis Frankreichs zu seinen Kolonien ist dieses missionarische
Konzept der Verbreitung des Französischen und der Vorstellung der
„L’exception française“ bis heute prägend
geblieben.
...besondere Probleme...
Dies allerdings auch unter negativen Vorzeichen. So stellte sich vor diesem
Hintergrund die Emanzipation der Kolonien wie auch ihrer Gesellschaften
als besonders problematisch dar, weil damit das Idealbild der Assimilation
wiederum dem der Unabhängigkeit gegenübergestellt wurde. Und
dieses Idealbild wurde nicht zuletzt wegen seiner augenscheinlichen Diskrepanz
zwischen Ideal und Realität problematisch. Nur wenigen Kolonien war
Frankreich beispielsweise bereit, den formell vorgesehenen Status eines
Departments zu ermöglichen, und ebenso waren es auch nur wenige Politiker
oder Personen von größerem öffentlichen Interesse, denen
es gelang die Anerkennung eines „évolue“ zu bekommen,
eines Bürgers Frankreichs. Die Idee der Assimilation blieb somit
in der Praxis in der Mehrzahl der Fälle eben nicht mehr als eine
Idee.
...auch bei ihrer Überwindung.
In ihrer Wirkung auf die französische Politik fand sie jedoch auch
noch in der Phase der Entkolonialisierung und dem besonderen Willen zum
Festhalten an und damit auch oftmals zum Kampf um seine Kolonien ihren
Ausdruck, wie die Beispiele Madagaskars 1947 und Algeriens 1958 bis 1962
für Afrika am deutlichsten zeigen. Diese Konflikte stellten sich
eben auch wegen der von Frankreich verwehrten Ausweitung von Autonomie
und Selbstverwaltung – geschweige denn von Souveränität
– als konfliktreich dar. Der Konflikte zum Trotz sollte sich aber
das Verhältnis Frankreichs zu seinen Kolonien gerade auch im afrikanischen
Raum in besonderer Form weiterentwickeln. Ausschlaggebend hierfür
war vor allem die Entscheidung mehrer ehemaliger Kolonien Französisch
als Amtssprache einzuführen, wozu sich häufig unter dem Gesichtspunkt
der Gefahr ethnischer Konflikte mit der Folge von Destabilisierung oder
gar Zerfall von Staaten bei Anerkennung von Stammessprachen entschieden
wurde.
Ein neuer gemeinsamer Rahmen: Frankophonie
Der alten Konkurrenz zu Großbritannien wurde hier ein neues Feld
eröffnet, da Frankreich nun die Möglichkeit sah, der britischen
Hegemonie auf dem afrikanischen Kontinent entgegenzuwirken. Es entstand
die Idee der Frankophonie, die nun mehr umfassen sollte als nur den sich
über den Globus erstreckenden französischen Sprachraum, wie
es ursprünglich gedacht war. So lag sie auch dem zeitgleich im Jahre
1960 eingeleiteten franko-afrikanischen Dialog zu Grunde, der verschiedene
Kooperationen in Bildung, Erziehung und Kultur in Form von Konferenzen,
Assoziationen und anderen Initiativen umfasste. Die Einbindung Frankreichs
in die Frankophonie wurde aber erst 1984 unter der Regierung des damaligen
Staatspräsidenten Francois Mitterrand durch die Schaffung des „Haut
Conseil de la Frankophonie“ und schließlich 1986 durch Kreierung
der Frankophonie als Organisation institutionalisiert.
Frankophonie als Basis französischen Engagements
in Afrika?
Seither verfolgt dieser Zusammenschluss aller 47 französischsprachigen
Staaten, von denen 24 auf dem afrikanischen Kontinent liegen, das Ziel
der Solidarität und verstärkten Zusammenarbeit sowie auch der
Unterstützung vor allem der afrikanischen Staaten bei der Konfliktbewältigung.
Dazu gehören ebenso technische und finanzielle Entwicklungszusammenarbeit
wie die besondere Unterstützung im Rahmen internationaler Organisationen
wie den Vereinten Nationen (United Nations, UN), der Europäischen
Union (EU), dem Internationalen Währungsfond (IWF) oder der Weltbank.
Umgekehrt profitieren die reicheren Mitgliedstaaten vor allem durch einen
erleichterten Zugang zu wirtschaftlichen Märkten. Die Bedeutung der
Frankophonie findet in Frankreich selbst ihren Ausdruck in dem 1988 speziell
eingerichteten Staatsekretariat für die Frankophonie oder dem Fluss
der französischen Entwicklungshilfe, die sich zu 80 Prozent in frankophone
Staaten ergießt.
Frankophonie – ein Zukunftsprojekt?
Dennoch scheint die Frankophonie mehr zu sein als ein Interessenverbund
vor allem wirtschaftlicher Art. Unter dem Druck der kränkelnden Weltwirtschaft
sowie der Ausweitung der europäischen Integration mit ihren Auswirkungen
auch im Bereich der Entwicklungspolitik scheint Frankreichs Einfluss im
frankophonen Afrika in wirtschaftlicher und zunehmend auch militärischer
Hinsicht zu schwinden. Dennoch wird der Frankophonie in der Zukunft kein
Bedeutungsverlust prophezeit. Es sind die sprachlichen und eben die in
jenem beschriebenen, langwierigen Prozess entstandenen historischen Verflechtungen,
die Frankreich und weite Teile Afrikas in ein besonderes Verhältnis
zueinander stellen – und beider Zukunft wechselseitig prägen
werden.
Staaten der Frankophonie in Afrika: Benin, Burkina Faso, Burundi, Elfenbeinküste,
Dschibuti, Gabun, Guinea, Kamerun, Demokratische Republik Kongo, Republik
Kongo, Mali, Niger, Ruanda, Senegal, Togo, Tschad, Zentralafrikanische
Republik, Komoren, Madagaskar, Mauritius, Seychellen, Algerien, Marokko,
Mauretanien, Tunesien.
Weiterführende Literatur:
- Mabe, Jacob E. (Hrsg.): Das kleine Afrika-Lexikon,
Bonn 2004, S.64f.
- Christadler, Marieluise/ Uterwedde, Henrik (Hrsg.):
Länderbericht Frankreich – Geschichte, Politik, Wirtschaft,
Gesellschaft, Bonn 1999, S. 484-500.
- Informationen zur politischen Bildung, Nr. B6897F:
Frankreich, Bonn 1994, S.56.
- Haensch, Günther/ Tümmers, Hans.J.:
Frankreich – Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, München 1998.
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