November 2004

Zeitlupe - das online-magazin

Eine Cubata, eine weiße Wandtafel und der Schnurrbart des Übersetzers

(TEIL 1) weiter zu Teil 2

Von Pedro Cardoso

Der Portugiese Pedro Cardoso hat mehrere Monate in Angola als Journalist gearbeitet. Seine Erlebnisse und Erinnerungen hat er in unterschiedlichen portugiesischen Medien in gekürzter Form veröffentlicht. Dabei versuchte er durch besondere stilistische Mittel, wie der Verwendung von teilweise sehr langen und verschachtelten Sätzen, die bizarre Verhandlungsweise im angolanischen Hochland nachzuempfinden. Die ZEITLUPE macht diese besonderen Eindrücke nun auch der deutschen Leserschaft in ungekürzter Form zugänglich. Lesen Sie heute den ersten von drei Teilen und verschaffen Sie sich damit Zugang zu der Landbevölkerung eines Staates, der vom Zerfall bedroht ist.

Die CubataSie fixieren sie. Eingewickelt in farbige Tücher oder in Hemden irgendeiner politischen Partei, die irgendwann einmal die Wahlen gewinnen wollte, hören sie ihr zu. Und sie spricht und bringt sie zum nachdenken. In einer Cubata, einer traditionellen afrikanischen Hüttenkonstruktion, auf dem Platz im Zentrum von Cambândua, in der Provinz von Bié, lässt sich Ana Teresa Milheiro auf einen bilingualen Dialog von geben und nehmen ein. Im Rahmen des Programms zur Unterstützung des Wideraufbaus (Programa de Apoio Reconstrução (PAR)), einem durch die Europäische Union finanziertem Projekt, werden hier die Mängel der Gemeinde diagnostiziert.

Die Versammlung beginnt spät. Der Besuch vom Ministerium für Familie und die Förderung der Frau in die Region am nächsten Tag bringt die schon lange entworfene Planung des PAR durcheinander. Ohne irgendeine vorherige Ankündigung, verließ ein großer Teil der Gemeinde von Cambândua den Platz und lässt Ana Milheiro und die anderen Repräsentanten des PAR unter der Morgensonne warten. „In Angola kann man nie etwas planen“, kommentiert sie.

Die Zeit vergeht. An der Spitze der Holzpfähle befestigt und schlaff herunter hängend, sind die Fahnen der Republik Angola und der Regierungspartei Movimiento Popular de Libertación de Angola (MPLA), die sich die Macht mit der parteinahen „Organisation für die angolanische Frau“ und der Jugendorganisation der MPLA, „Jota“, teilt, ein perfektes Symbol für das Fehlen einer frischen Brise. In kurzer Zeit beginnen auch sie zu schwitzen.

Der Streifzug derjenigen, die versuchten die Bevölkerung wieder zusammen zu bringen, und die Trägheit der im Schatten der Bäume Wartenden endet schließlich auf den Bänken des kleinen Besucherraumes von Cambândua. Die Versammlung beginnt. Mit völlig synchronen Blicken und Bewegungen fixieren die wichtigsten Repräsentanten der in der Gemeinde Cambândua teilnehmenden Dörfer Ana Teresa, mit innerer Unruhe darauf wartend, dass aus dem Mund der Angolanerin, die mit vier Jahren das Land verlassen hat, Wörter, Versprechen, Perspektiven, Zukunft herausquellen.

Ein schnurrbärtiger Übersetzer namens Samuel Chissapa, Repräsentant der Delegation für Bildung der Gemeinde, wird zur Verfügung gestellt. Umbundo versus Portugiesisch, in einem inoffiziellen Spiel zwischen Sprachen zwei völlig verschiedener Winkel der Welt.

Ein blau angemalter, wellender Schnurrbart
Kinder haben sich auf die Rückseite der Cubata begeben. Die Kleinsten haben die Erlaubnis hereinzukommen. Einer von ihnen spielt auf dem Lehmboden mit einem Tetrapack Wein der Marke „Gaivota“. Es ist ein abgenutzter Karton mit Zeichnungen von Rebenreihen an irgendeinem Ort, laut der Werbung vermutlich portugiesisch. „Gaivota“ auf dem Boden, in den Händen eines Kleinen, der zwischen den Beinen der Erwachsenen spielt, die sich auf wichtigere Dinge konzentrieren. Hört nun die Erklärung, was das Programm zur Unterstützung des Wiederaufbaus ist, das von weit her kam, um der administrativen Abteilung der Gemeinde zu helfen.

Die Distanz zwischen dem Dorf und Europa, „wo sich einige Länder zu einer Gemeinschaft namens Europäische Union zusammen geschlossen haben“, wie Ana Teresa erklärt, lässt sich nicht nur in Kilometern messen. Das Murmeln, dass sich in der Cubata erhebt, bestätigt dies. „Irgendwelche Zweifel?“, fragt der schnurrbärtige Übersetzer auf „umbundo Art“. Die Anwesenden hatten „ropa“ verstanden, das portugiesische Wort für „Kleidung“. Es handelt sich um einen Irrtum, Europa ist plötzlich in Kleidung verwandelt, Klänge, die verwirren, offenkundiges Anzeichen für die Sehnsüchte der Anwesenden. „Nein, nicht „ropa“, sondern „Europa“, das ist ein Kontinent“, erklärt Ana Teresa in dem Moment.

Immer wieder wird eines der wichtigsten Themen hinten angestellt. Zunächst muss man verstehen, wer wer ist. Man entdeckt also hinter der Stimme von Ana Teresa, dass das PAR „ein von der EU finanziertes Projekt“ ist. Es widmet sich vor allem „der Planung, der institutionellen Unterstützung von Gemeinden und des Wiederaufbaus von Infrastruktur auf den Gebieten Wasser und Sanierung, Bildung und Gesundheit“. – „Ich bin Ana Teresa“, fährt sie fort, „und gehöre zu Movimondo, einer italienischen Nicht-Regierungsorganisation, die im Bereich des PAR in den Gemeinden Kuito und Kunhinga arbeitet“. Sie wendet sich zu Samuel Chissapa, der auf die Frequenz der angolanischen Hochebene eingestellt ist: „Übersetzen sie bitte“.

Es wird zu dem übergegangen, was wirklich interessiert. Eine weiße Wandtafel mit blassem Blau von Problemen anderer Länder und anderer Leute dient als Analyseinstrument. Jetzt ist Cambândua an der Reihe; das starke Blau des Filzstiftes färbt die Tafel. Portugiesisch und Umbundo in einer ungewohnten Mischung.

Notizblöcke und ein Heft von UNICEF, auf dessen Titelblatt mit rotem Filzstift das Wort „Geographie“ geschrieben steht, dienen als Manifest gegen die Armut und das Vergessen. Wörter, die durch Übersetzer filtriert und wieder konserviert sind, und durch eine weiße Wandtafel, auf der die Geschichten der aus Luftziegeln gebauten Schulen, die bei den Regenfällen zusammenbrachen, nieder geschrieben werden, Geschichten vom Gesundheitsamt, wo alles von den Wänden bis zum Notfall-Bett aus Bambus gemacht ist, oder das herrliche Märchen von den 17.000 Einwohnern, denen UNICEF jeden Monat ein einzigartiges Gesundheitspaket zukommen lässt. Aber auch im Chaos bleibt der Humor erhalten. Mit dem Geist derjenigen, die nichts und niemand mehr erschrecken kann, bestätigt Alice Sorte, eine Frau mit einer kraftvollen Stimme, dass „sich hier die Gesundheit wie eines der Märchen nach dem Motto „Es war einmal…“ darstelle“. Alle lachen.

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