| Juni 2004 |
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Zeitlupe - das online-magazin |
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| Chronologie kollektiven Versagens Wer trägt die Verantwortung für die Grausamkeit im sudanesischen Darfur? Von -X-
Plötzlich blickt die Öffentlichkeit in den Sudan. In einem Land, in dem 50 Jahre lang ein furchtbarer Bürgerkrieg tobte, ist auf einmal von Völkermord die Rede. Dabei sollte der Krieg doch in diesen Monaten durch einen Waffenstillstand beendet werden? Zuvor nutzt aber die Regierung in der Hauptstadt Khartum die Gelegenheit, um in der Region Darfur den eigenen Machteinfluss zu sichern, und zwar durch Mord, Vergewaltigung und psychischen Terror. Das zumindest berichten Flüchtlinge, glauben Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und internationale Beobachter. Die sudanesische Regierung bestreitet vehement. Nun versuchen Journalisten verzweifelt, ein klareres Bild zu gewinnen – erst jetzt, wo für sie eine Einreisesperre besteht. Tatsächlich stellt sich die Situation in Darfur aber viel fataler dar, als aus der bisherigen Berichterstattung bekannt ist. Misshandelte Kinder, vergewaltigte Frauen, verstümmelte Familienväter – die Schreckensbilder, die derzeit zumeist von der sudanesischen Westgrenze zum Tschad aus übermittelt werden, erinnern unweigerlich an den ruandischen Völkermord von 1994. Flüchtlinge berichten von willkürlichen Fliegerangriffen, von gezielten Exekutionen, von Diebstahl und Vertreibung. Experten vermuten ein Heer von Binnenflüchtlingen, von denen nur einige die errichteten Lager jenseits der Grenze in den Ortschaften Toulum, Biné und Bahai erreichen. Doch auch hier setzt sich die menschliche Tragödie fort. Die Versorgung durch die internationalen Hilfsorganisationen reicht nicht aus, so dass sich die geglaubte Rettung als Placebo entpuppt. Der Tod hat schon vor den Flüchtlingen das Lager erreicht. Die menschenunwürdige Situation im größten Flächenstaats Afrikas darf nicht verschwiegen oder schöngeredet werden. Das Ausmaß von ertragender Qual und erlittenem Leid der einzelnen muss jeden halbwegs einfühlsamen Menschen zutiefst bestürzen. Geht man aber auf Distanz zu den menschlichen Schicksalen und beginnt, sich analytisch mit diesem Konflikt zu beschäftigen, so wird das kollektive Versagen deutlich, das rund um den Darfur-Konflikt zu Tage tritt. Vermeidbare Katastrophe Die Pressedienste der politischen Institutionen haben somit ebenso versagt,
wie die Pressedienste von Wissenschaft und Forschung. Und die Medien selbst
haben natürlich auch versagt. Anstatt gegenseitig einen Schuldigen
zu suchen, sollte begonnen werden, die eigenen Fehler zu bekennen. Nur
auf diesem Weg kann der internationale Druck erhöht und vergleichbaren
Fehltritten in Zukunft entgegengewirkt werden. Opportunistische Polemik
muss konstruktiver Selbstkritik weichen – ansonsten sprechen wir
schon bald wieder von einer Katastrophe, die hätte vermieden werden
können, und von einem der grausamsten Kapitel in der Geschichte der
Menschheit. 31.5.2004
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