Juni 2004

Zeitlupe - das online-magazin

Chronologie kollektiven Versagens

Wer trägt die Verantwortung für die Grausamkeit im sudanesischen Darfur?

Von -X-

Fakten zum Darfur Konflikt

Lage: Region im zentralen Westen des Sudan
Gesamtfläche der Region: 496 371 km2
Einwohnerzahl: unter 6 Millionen
Konfliktparteien:
Sudanesische Befreiungsarmee (Sudanese Liberation Party = SLA)/Schwarzafrikaner islamischer Religionszugehörigkeit
Regierung/arabische Milizen („Janjaweed“ = bewaffnete Reiter)/arabischstämmige Bevölkerung islamischer Religionszugehörigkeit
Konfliktgegenstand: regionale Vorherrschaft/Rassismus/Ressourcen
Konfliktdauer: seit März 2003
Bisherige Bilanz: unbekannte Zahl von Todesopfern; weit über 600 000 Flüchtlinge, davon allein rund 200 000 in den Tschad; Verwüstung und Vertreibung
Erschwerende Problematik: Seit 1989 (anderen Angaben zufolge seit 1983) herrschender 2. sudanesischer Bürgerkrieg zwischen muslimischem Norden (Regierung) und christlichem Süden (große Erdölvorkommen); Konfliktgegenstand (Sezession, Ressourcen im Südsudan, religiöse Vorherrschaft) schloss sich an 1. sudanesischen Bürgerkrieg (1955-1972) an; Lösung des Nord-Süd-Konflikts in Aussicht
Mögliche Szenarien: Teilung oder Zerfall des Sudan
Im Gegensatz zum langjährigen Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südsudan geht es im Darfur-Konflikt nicht um Religionszugehörigkeit, sondern um rassistische Motive sowie um fruchtbares Weide- und Ackerland.

 

Plötzlich blickt die Öffentlichkeit in den Sudan. In einem Land, in dem 50 Jahre lang ein furchtbarer Bürgerkrieg tobte, ist auf einmal von Völkermord die Rede. Dabei sollte der Krieg doch in diesen Monaten durch einen Waffenstillstand beendet werden? Zuvor nutzt aber die Regierung in der Hauptstadt Khartum die Gelegenheit, um in der Region Darfur den eigenen Machteinfluss zu sichern, und zwar durch Mord, Vergewaltigung und psychischen Terror. Das zumindest berichten Flüchtlinge, glauben Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und internationale Beobachter. Die sudanesische Regierung bestreitet vehement. Nun versuchen Journalisten verzweifelt, ein klareres Bild zu gewinnen – erst jetzt, wo für sie eine Einreisesperre besteht. Tatsächlich stellt sich die Situation in Darfur aber viel fataler dar, als aus der bisherigen Berichterstattung bekannt ist.

Misshandelte Kinder, vergewaltigte Frauen, verstümmelte Familienväter – die Schreckensbilder, die derzeit zumeist von der sudanesischen Westgrenze zum Tschad aus übermittelt werden, erinnern unweigerlich an den ruandischen Völkermord von 1994. Flüchtlinge berichten von willkürlichen Fliegerangriffen, von gezielten Exekutionen, von Diebstahl und Vertreibung. Experten vermuten ein Heer von Binnenflüchtlingen, von denen nur einige die errichteten Lager jenseits der Grenze in den Ortschaften Toulum, Biné und Bahai erreichen. Doch auch hier setzt sich die menschliche Tragödie fort. Die Versorgung durch die internationalen Hilfsorganisationen reicht nicht aus, so dass sich die geglaubte Rettung als Placebo entpuppt. Der Tod hat schon vor den Flüchtlingen das Lager erreicht.

Die menschenunwürdige Situation im größten Flächenstaats Afrikas darf nicht verschwiegen oder schöngeredet werden. Das Ausmaß von ertragender Qual und erlittenem Leid der einzelnen muss jeden halbwegs einfühlsamen Menschen zutiefst bestürzen. Geht man aber auf Distanz zu den menschlichen Schicksalen und beginnt, sich analytisch mit diesem Konflikt zu beschäftigen, so wird das kollektive Versagen deutlich, das rund um den Darfur-Konflikt zu Tage tritt.

Vermeidbare Katastrophe
Seit weit über einem Jahr herrscht eine ernste Krise in der Region und schon vor etlichen Monaten haben Forschungsinstitute und Wissenschaftler das Ausmaß des Konflikts als äußerst bedrohliche Gefahr diagnostiziert. Doch abgelenkt von anderen Krisenherden und vielleicht in der Hoffnung, es werde stillschweigend eine Lösung gefunden, verschlossen sich weite Teile des öffentlichen Lebens vor dem nahenden Unheil. Anstatt das kollektive Versagen offen zuzugeben, zeigen die Adressaten heute angstvoll mit den Fingern auf die anderen. In den Medien wird unentwegt fordernd gefragt, warum die Politik nicht eingreife. Kerstin Müller kontert, dass die EU und somit Deutschland schon seit Dezember 2003 versuche, in den Konflikt einzugreifen – zu einem Zeitpunkt als die deutsche Medienlandschaft noch vollkommen blind für die Entwicklungen in jener Region war, die fast anderthalbmal so groß wie die Bundesrepublik ist. Dabei weiß die Staatsministerin im Auswärtigen Amt genau, dass in Darfur schon seit März letzten Jahres die Waffen sprechen.

Die Pressedienste der politischen Institutionen haben somit ebenso versagt, wie die Pressedienste von Wissenschaft und Forschung. Und die Medien selbst haben natürlich auch versagt. Anstatt gegenseitig einen Schuldigen zu suchen, sollte begonnen werden, die eigenen Fehler zu bekennen. Nur auf diesem Weg kann der internationale Druck erhöht und vergleichbaren Fehltritten in Zukunft entgegengewirkt werden. Opportunistische Polemik muss konstruktiver Selbstkritik weichen – ansonsten sprechen wir schon bald wieder von einer Katastrophe, die hätte vermieden werden können, und von einem der grausamsten Kapitel in der Geschichte der Menschheit.

31.5.2004

 

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