Juni 2004

Zeitlupe - das online-magazin

Eine politische Entscheidung: der Cup am Kap

Fußball-WM 2010 in Südafrika

Von -X-

In sechs Jahren wird die Fußball-Weltmeisterschaft erstmals auf dem afrikanischen Kontinent stattfinden. Nun steht auch der Ausrichter dieser sportlichen Attraktion fest: Südafrika wird 2010 die besten Fußballverbände der Welt im eigenen Land zu Gast haben. Die Enttäuschung der unterlegenen Verbände aus Ägypten, Libyen, Marokko und Tunesien wird aufgrund der Begeisterung der südafrikanischen Bevölkerung und der Freude der Verantwortlichen aus der Kap-Republik schnell vergessen sein. Schließlich hat die Entscheidung des Weltfußballverbands FIFA zehn Jahre nach dem Ende der Apartheid in Südafrika auch eine immense politische Bedeutung.

BERLIN (Zeitlupe) – Joseph Blatter versuchte die Spannung zu halten, als er sich am 15.Mai gegen 12.20 Uhr den versiegelten Briefumschlag des Exekutivkomitees des Weltfußballverbandes reichen ließ. Vor laufenden Kameras in der Schweizer Medienmetropole Zürich verkündete der FIFA-Präsident schließlich das, womit eigentlich schon alle gerechnet hatten: Die Republik Südafrika wird Ausrichter der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 sein. Die Vertreter des südafrikanischen Fußballverbands hielt es nicht mehr auf den Sitzen und mitten im freudigen Getümmel stach das strahlende Gesicht des 85-jährigen Nelson Mandela hervor. Der Friedensnobelpreisträger gilt als die Symbolfigur des Kampfs gegen die Apartheid und somit als herausragendster Repräsentant des neuen Südafrika. Wenig verwunderlich, dass auch die Titelseiten der deutschen Sonntagszeitungen tags darauf mit seinem Profil geschmückt waren, den Pokal des Weltmeisters in den Händen.

Mithin hat die Entscheidung der FIFA im doppelten Sinne eine politische Bedeutung. Erstens wird damit der inneren Entwicklung Südafrikas Anerkennung gezollt. Nach dem Zusammenbruch des Apartheidregimes und die verhältnismäßig friedvolle Übergangsregulierung unter besonderem Einfluss Nelson Mandelas und des vorigen Präsidenten Willem de Klerk hat die Kap-Republik einen erstaunlichen Wandel vollzogen. Die mühsame Neugestaltung bewegt sich seit 1994 ständig im konfliktschwangeren Spannungsfeld zwischen der Aufweichung und letztlich der Tilgung der strukturellen Rassentrennung und -diskriminierung einerseits und der Gefahr wirtschaftlichen Bedeutungsverlusts andererseits. In beiden Punkten wird Südafrika vorerst Lob und Anerkennung ausgesprochen. Zweitens bedeutet die Entscheidung der FIFA aber auch die symbolische Stärkung einer gesamten Weltregion, die häufig nur als das Armenhaus der Welt gesehen wird. Denn von den fünf Bewerbern, die noch fast bis zum Ende im Rennen waren, kamen vier aus Nordafrika, während nur die Kap-Republik zum subsaharischen Afrika zählt.

Die politische Bedeutung deutete auch Joseph Blatter in seiner Verkündungsrede an. Der Ausrichter „muss nicht nur gut im Fußball sein, sondern auch eine starke Regierung hinter sich haben“, betonte der Präsident in französischer Sprache und bedankte sich später bei allen afrikanischen Fußballverbänden für die kreativen und abwechslungsreichen Bewerbungen auf Englisch. Mit der Zweisprachigkeit seiner Rede wolle er den dominanten Sprachen und den unterschiedlichen Gesichtern Afrikas Rechnung tragen, gab Blatter zu Protokoll.

Gefeiert wurde am Samstagmittag aber vor allem in englischer Sprache. Tausende Fans und Fußballbegeisterte verfolgten die Verkündung auf einer Großbildleinwand in Johannesburg. So wurde die Weltöffentlichkeit Zeuge wie schwarze und weiße Südafrikaner um kurz vor halb eins Seite an Seite die Arme in die Höhe reckten und gemeinsam Südafrikas Flagge über ihren Köpfen Kreisen ließen. Ein Land zeigt sich mit einem neuen Gesicht – nicht erst 2010.

31.5.2004

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