Juni 2004

Zeitlupe - das online-magazin

Was Südafrika und Deutschland verbindet

Veranstaltung zum zehnjährigen Ende der Apartheid

Einige hundert Afrika-Interessierte haben sich am letzten Donnerstag im Mai im Berliner Gebäude der Friedrich-Ebert-Stiftung zusammengefunden. Unter dem Titel „Afrikas neue Führungsmacht? Südafrika und seine Außenpolitik zehn Jahre nach der Apartheid“ würdigte die Einrichtung den seit 1994 eingeschlagenen Entwicklungsweg der Kap-Republik. Auch Bundestagsabgeordnete und viele Botschafter aus afrikanischen Staaten waren im Publikum. Podiumsgespräche und Vorträge prägten den Tag im Botschaftsviertel am Tiergarten. Im Zentrum der Auseinandersetzungen stand Südafrikas ungewöhnlicher Spagat als internationaler Akteur – und die Frage, warum sich Deutschland und Südafrika in vergleichbaren Situationen befinden.

BERLIN (Zeitlupe) – „Aus dem menschenverachtenden Apartheidstaat ist innerhalb von zehn Jahren eine respektable Demokratie geworden.“ Mit diesen Worten eröffnete Uschi Eid die ganztägige Veranstaltung am Morgen. Während die Staatssekretärin im Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) noch den Verdienst der zurückliegenden Jahre hervorhob, kamen in der anschließenden Diskussionsrunde zunehmend die heutigen Problemlagen in und um Südafrika zur Sprache.

Dabei zeichneten sich schnell die beiden wichtigsten Eckpunkte ab, die das neue Südafrika ständig ausbalancieren muss. Einerseits werde der jungen Demokratie aufgrund der bewiesenen Reformfähigkeit und des im subsaharischen Vergleich stabilen und hohen wirtschaftlichen Entwicklungsniveaus weltweit eine Vorreiterrolle zugesprochen und somit auch eine regionale Führungsposition abverlangt. Gerade bei der jüngst aufgeflammten Diskussion um die Herausbildung von „Ankerstaaten“ als zentrale Stabilatoren in problematischen Entwicklungsregionen falle immer wieder der Name der Kap-Republik. Andererseits befürchteten insbesondere die Nachbarstaaten aber auch eine Vielzahl anderer Länder, dass Südafrika seine regionale Vorherrschaft ausnutzen und überdehnen könnte. Die Angst vor einem übermächtigen und unkalkulierbaren regionalen Hegemon führe zeitweise zur Lähmung der südafrikanischen Außenpolitik.

Im Rahmen der Diskussion wurde deutlich dass sich die Schwierigkeit, diesen Spagat durchzustehen, augenblicklich vor allem in Bezug auf die Haltung der südafrikanischen Regierung gegenüber Simbabwes Präsident Robert Mugabe und dessen gewaltsamen Umgang mit oppositionellen Kräften und Farmern weißer Hautfarbe im eigenen Land zeigt. „Südafrika versteckt sich hinter multilateralen Institutionen anstatt eine aktivere Rolle als Demokratie- und Friedensförderer in der Region zu beziehen“, kritisierte Wilfred Mhanda von der Zimbabwe Liberators’ Plattform als Vertreter der simbabwischen Zivilgesellschaft und Opposition. Garth le Pere vom Institute for Global Dialogue in Südafrika hielt dem entgegen, dass Südafrika in der Region „voranschreite wie ein Hegemon, aber handele wie ein Partner“. Diese Grundhaltung sei für die regionale Stabilität vonnöten und spiegele eine grundsätzliche Entwicklung in Südafrikas Politikgestaltung von der idealistischen Regierungsführung unter Südafrikas Symbolfigur Nelson Mandela zum pragmatischen Führungsstil des derzeitigen Präsidenten Thabo Mbeki wieder. Auch der Afrikabeauftragte des Auswärtigen Amtes, Harro Adt, betonte, dass der wesentliche Impuls aus Simbabwe selbst und erst in zweiter Instanz aus den Nachbarländern, hier dann aber vor allem aus Südafrika kommen müsse.

Lösungen oder neue Ergebnisse konnten nicht präsentiert werden. Die innovativsten Gedanken kamen von Seiten des exzellenten Moderators. Stefan Mair von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) verstand es nicht nur, in seinen Fragestellungen, Kommentaren und Zusammenfassungen die Positionen der Diskussionspartner herauszukitzeln und wiederzugeben. Der ausgewiesene Experte für die Region des südlichen Afrika brachte auch unkonventionelle Gedanken in die Debatte ein. So provozierte er zwar Podium und Publikum mit der Äußerung, dass Deutschland und Südafrika durch ähnliche historische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Merkmale gekennzeichnet seien. Indes konnte auch nicht glaubhaft wiederlegt werden, dass beide Staaten durch eine besondere, wenn auch in ihren Ausmaßen nicht vergleichbare historische Erblast, eine reformskeptische Grundhaltung in der Bevölkerung und als Lokomotiven der wirtschaftlichen Entwicklung in ihren Regionen in Erscheinung träten. Deutschland und Südafrika könnten somit vieles voneinander lernen und sind sich insgeheim näher, als weithin vermutet wird.

Auch die weiteren Diskussionsrunden bewegten sich in ähnlichen Sphären, wenn auch mit anderen Akzenten. Die Veranstaltung der Friedrich Ebert-Stiftung klang erst am Abend mit traditioneller Musik der Gruppe DUBE langsam aus.
(max)

31.5.2004

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