| Ein Hauch der Versöhnung
Zehn Jahre nach dem Völkermord kämpft Ruanda mit
seiner Vergangenheit
VON -X-
Am 6. April 1994 wurde das Flugzeug von Juvénal
Habyarimana abgeschossen. Der damalige ruandische Staatspräsident
hatte nach drei Jahren zäher Friedensverhandlungen eine Stabilisierung
seines vom Bürgerkrieg geplagten Landes beschworen. Sein Tod löste
stattdessen eines der furchtbarsten Massaker in der Geschichte der Menschheit
aus. Innerhalb von nur 100 Tagen fielen 800 000 Menschen dem Völkermord
zum Opfer, der einen Tag nach Absturz des Präsidenten wie ein Buschfeuer
jeden Winkel im drittkleinsten Staat Afrikas zur Hölle werden ließ.
Rund zwei Millionen Tutsi und oppositionelle Hutu wurden vertrieben, verloren
Familie, Hab und Gut. Eines der ärmsten Länder der Welt, das
einst als „Musterknabe“ in der Entwicklungspolitik galt, wurde
so zum Schauplatz von ungeahnter Brutalität und Grausamkeit. Doch
zehn Jahre nach diesem furchtbaren Blutbad weht ein neuer Wind im „Land
der Tausend Hügel“.
Lexikon:
Gacaca-Gerichte |
| Gacaca-Gerichte haben in
der Rechtstradition Ruandas einen festen Platz als Instrument des
Ausgleichs widerstreitender Interessen. Sie bezeichnen eine nicht
verschriftlichte Form der Justiz und sind nach dem Ort ihrer Verhandlung
benannt („Gacaca“ = Rasen; sprich: Gatschatscha). Durch
die Einführung des modernen Rechtssystems wurden die Gacaca-Gerichte
aus dem staatlichen Rechtswesen verdrängt. Sie wurden wieder
belebt, weil in Ruanda derzeit noch viele mutmaßliche Täter
auf Grund des Völkermords von 1994 in den Gefängnissen sitzen
und die reguläre Staatsjustiz nicht über ausreichende Kapazitäten
verfügt, um den Häftlingen mit angemessenen Rechtsverfahren
zu begegnen... |
BERLIN (Zeitlupe) – „Bringt diese Botschaft
zu den Menschen von Ruanda und Burundi“, bittet Justin Uforo mit
Nachdruck. Der Bildungsreferent der evangelisch lutherischen Kirche der
Norddiözese in Tansania steht in der Versöhnungskirche im Herzen
Berlins. Er bestaunt die Kreativität und Wirkungskraft, mit welcher
an der Stelle, wo einst die Berliner Mauer die deutsche Gesellschaft in
zwei Teile trennte, eine beachtliche moderne Dokumentationsstätte
geschaffen und mit dem moralischen Aufruf zur Versöhnung verbunden
wurde. Eigentlich besucht Justin Uforo Berlin, um den Dialog zwischen
Deutschland und Tansania in punkto Bildungsarbeit zu pflegen. Doch an
einem solchen Ort denkt der Besucher unweigerlich an die Herausforderungen
in der Heimat.
Tansania hat nicht nur aufgrund der immensen Flüchtlingsströme
ein besonderes Interesse am Frieden in den Nachbarländern im Nordwesten.
Der Sitz des Internationalen Kriegsverbrechertribunals für Ruanda
(ICTR) in der nord-tansanischen Stadt Arusha trägt auch zu einem
ausgeprägten Interesse an der Aufarbeitung des Völkermords im
Nachbarland innerhalb der tansanischen Öffentlichkeit bei. In der
Region der Großen Seen wird über Grenzen hinweggesehen. „Auch
in Ruanda wird man den Weg der Versöhnung finden“, beteuert
Justin Uforo. Ein Mann der Kirche denkt hier vor allem an die zwischenmenschlichen
und sozialen Gräben, die zwischen den Tutsi und den Hutu vor zehn
Jahren erheblich vertieft wurden. Zwar hat es ethnisch-soziale Konflikte
zwischen dem Viehzucht-Nomadenvolk (Tutsi) und den Bantu-Ackerbauern (Hutu)
schon seit der Unabhängigkeit 1962 gegeben. Doch kam es im Laufe
der Zeit nicht nur zu einer beträchtlichen Vermischung der Volksgruppen
innerhalb der Dörfer und Städte. Vielmehr zerriss der Völkermord
ganze Familien, da Hutu und Tutsi inzwischen verheiratet und verschwägert
gewesen waren.
Vor diesem Hintergrund muss auch der Beschluss der Wiedereinführung
der ruandischen Gacaca-Tribunale
im Oktober 2000 beurteilt werden. Bei diesen staatlichen Einrichtungen
handelt es sich um Dorfgerichte, bei deren Verhandlungen verbale Anklagen
unter Beisein der gesamten Dorfgemeinschaft vorgebracht und diskutiert
werden (siehe
Lexikon Afrika ).
In den letzten Monaten ist auch in der internationalen Öffentlichkeit
zunehmend über Qualität und Effizienz der Gacaca-Gerichte debattiert
worden. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass diese
Gerichte dazu dienen, die zwischenmenschlichen und sozialen Konflikte
einzudämmen, die innerhalb der Dorfgemeinschaften entstanden sind.
Es geht nicht primär darum, formal-juristische Urteilssprechung zu
vollziehen, sondern es geht um gemeinsame Aufarbeitung von Tätern
und Opfern, von Schuldigen und Unschuldigen auf allen Seiten. Es geht
schlichtweg darum, über das Geschehene zu sprechen.
Doch nicht nur in den Dörfern des hoffnungslos übervölkerten
Agrarstaates weht ein Wind der Aufarbeitung. In der Hauptstadt Kigali
im Herzen des Landes wurde sogar ein Museum errichtet, dass als Mahnmal
an die Gräuel des Völkermords erinnern soll – und an die
Schandtaten aller Beteiligten. Es ist kein Geheimnis, dass nahezu alle
Einrichtungen in Ruanda den Massenmord gewähren ließen. Bilder
von Flüchtlingen, die den Schutz in den Kirchen suchen und an Ort
und Stelle niedergemetzelt werden, gehören ebenso zu der grausamen
Wirklichkeit der ruandischen Völkermordschronik wie das schüren
des Feindgefühls und die Aufwiegelung durch den Radiosender RTLM.
Schließlich verschärfte das Versagen der internationalen Gemeinschaft
die ohnehin schon prekäre Lage. Allen voran Frankreich, die Vereinten
Nationen (UN) und die USA müssen sich heute immer wieder vorwerfen
lassen, warum nicht früher und entschlossener in den Konflikt eingegriffen
wurde. Letztere verweigerten etwa lange Zeit die Anerkennung der Grausamkeiten
als Völkermord, weil das einer Verpflichtung zum Eingreifen der internationalen
Gemeinschaft gleichgekommen wäre. Zu jung waren noch die Bilder aus
Mogadischu, wo ein Jahr zuvor die verstümmelten Leichen zweier US-Soldaten
nach einer missglückten Militäraktion von Aufrührern quer
durch die Strassen der Stadt geschleift wurden.
Doch Ruanda ist nicht Somalia. Dort, wo vor zehn Jahren ein grausamer
Völkermord stattfand, ist von Staatszerfall kaum etwas zu spüren.
Zwar sorgen die aus der Demokratischen Republik Kongo immer wieder in
den Nordwesten des Landes einfallenden Hutu-Milizen nach wie vor für
eine Stimmung des Unbehagen. Aber nicht nur Präsident Paul Kagame
und seine Regierung beschwören unentwegt die Einigkeit der Ruander.
Auch Experten zweifeln größtenteils an einer möglichen
Wiederholung des Völkermords. Allerdings wird eine wirkliche Versöhnung
von Hutu und Tutsi mindestens eine Generation lang dauern. Nur ein Hauch
davon weht schon über das Land.
22.4.2004
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