April 2004

Zeitlupe - das online-magazin

Ein Hauch der Versöhnung

Zehn Jahre nach dem Völkermord kämpft Ruanda mit seiner Vergangenheit

VON -X-

Am 6. April 1994 wurde das Flugzeug von Juvénal Habyarimana abgeschossen. Der damalige ruandische Staatspräsident hatte nach drei Jahren zäher Friedensverhandlungen eine Stabilisierung seines vom Bürgerkrieg geplagten Landes beschworen. Sein Tod löste stattdessen eines der furchtbarsten Massaker in der Geschichte der Menschheit aus. Innerhalb von nur 100 Tagen fielen 800 000 Menschen dem Völkermord zum Opfer, der einen Tag nach Absturz des Präsidenten wie ein Buschfeuer jeden Winkel im drittkleinsten Staat Afrikas zur Hölle werden ließ. Rund zwei Millionen Tutsi und oppositionelle Hutu wurden vertrieben, verloren Familie, Hab und Gut. Eines der ärmsten Länder der Welt, das einst als „Musterknabe“ in der Entwicklungspolitik galt, wurde so zum Schauplatz von ungeahnter Brutalität und Grausamkeit. Doch zehn Jahre nach diesem furchtbaren Blutbad weht ein neuer Wind im „Land der Tausend Hügel“.

 

Lexikon: Gacaca-Gerichte

Gacaca-Gerichte haben in der Rechtstradition Ruandas einen festen Platz als Instrument des Ausgleichs widerstreitender Interessen. Sie bezeichnen eine nicht verschriftlichte Form der Justiz und sind nach dem Ort ihrer Verhandlung benannt („Gacaca“ = Rasen; sprich: Gatschatscha). Durch die Einführung des modernen Rechtssystems wurden die Gacaca-Gerichte aus dem staatlichen Rechtswesen verdrängt. Sie wurden wieder belebt, weil in Ruanda derzeit noch viele mutmaßliche Täter auf Grund des Völkermords von 1994 in den Gefängnissen sitzen und die reguläre Staatsjustiz nicht über ausreichende Kapazitäten verfügt, um den Häftlingen mit angemessenen Rechtsverfahren zu begegnen...
 

BERLIN (Zeitlupe) – „Bringt diese Botschaft zu den Menschen von Ruanda und Burundi“, bittet Justin Uforo mit Nachdruck. Der Bildungsreferent der evangelisch lutherischen Kirche der Norddiözese in Tansania steht in der Versöhnungskirche im Herzen Berlins. Er bestaunt die Kreativität und Wirkungskraft, mit welcher an der Stelle, wo einst die Berliner Mauer die deutsche Gesellschaft in zwei Teile trennte, eine beachtliche moderne Dokumentationsstätte geschaffen und mit dem moralischen Aufruf zur Versöhnung verbunden wurde. Eigentlich besucht Justin Uforo Berlin, um den Dialog zwischen Deutschland und Tansania in punkto Bildungsarbeit zu pflegen. Doch an einem solchen Ort denkt der Besucher unweigerlich an die Herausforderungen in der Heimat.
Tansania hat nicht nur aufgrund der immensen Flüchtlingsströme ein besonderes Interesse am Frieden in den Nachbarländern im Nordwesten. Der Sitz des Internationalen Kriegsverbrechertribunals für Ruanda (ICTR) in der nord-tansanischen Stadt Arusha trägt auch zu einem ausgeprägten Interesse an der Aufarbeitung des Völkermords im Nachbarland innerhalb der tansanischen Öffentlichkeit bei. In der Region der Großen Seen wird über Grenzen hinweggesehen. „Auch in Ruanda wird man den Weg der Versöhnung finden“, beteuert Justin Uforo. Ein Mann der Kirche denkt hier vor allem an die zwischenmenschlichen und sozialen Gräben, die zwischen den Tutsi und den Hutu vor zehn Jahren erheblich vertieft wurden. Zwar hat es ethnisch-soziale Konflikte zwischen dem Viehzucht-Nomadenvolk (Tutsi) und den Bantu-Ackerbauern (Hutu) schon seit der Unabhängigkeit 1962 gegeben. Doch kam es im Laufe der Zeit nicht nur zu einer beträchtlichen Vermischung der Volksgruppen innerhalb der Dörfer und Städte. Vielmehr zerriss der Völkermord ganze Familien, da Hutu und Tutsi inzwischen verheiratet und verschwägert gewesen waren.
Vor diesem Hintergrund muss auch der Beschluss der Wiedereinführung der ruandischen Gacaca-Tribunale im Oktober 2000 beurteilt werden. Bei diesen staatlichen Einrichtungen handelt es sich um Dorfgerichte, bei deren Verhandlungen verbale Anklagen unter Beisein der gesamten Dorfgemeinschaft vorgebracht und diskutiert werden (siehe Lexikon Afrika). In den letzten Monaten ist auch in der internationalen Öffentlichkeit zunehmend über Qualität und Effizienz der Gacaca-Gerichte debattiert worden. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass diese Gerichte dazu dienen, die zwischenmenschlichen und sozialen Konflikte einzudämmen, die innerhalb der Dorfgemeinschaften entstanden sind. Es geht nicht primär darum, formal-juristische Urteilssprechung zu vollziehen, sondern es geht um gemeinsame Aufarbeitung von Tätern und Opfern, von Schuldigen und Unschuldigen auf allen Seiten. Es geht schlichtweg darum, über das Geschehene zu sprechen.
Doch nicht nur in den Dörfern des hoffnungslos übervölkerten Agrarstaates weht ein Wind der Aufarbeitung. In der Hauptstadt Kigali im Herzen des Landes wurde sogar ein Museum errichtet, dass als Mahnmal an die Gräuel des Völkermords erinnern soll – und an die Schandtaten aller Beteiligten. Es ist kein Geheimnis, dass nahezu alle Einrichtungen in Ruanda den Massenmord gewähren ließen. Bilder von Flüchtlingen, die den Schutz in den Kirchen suchen und an Ort und Stelle niedergemetzelt werden, gehören ebenso zu der grausamen Wirklichkeit der ruandischen Völkermordschronik wie das schüren des Feindgefühls und die Aufwiegelung durch den Radiosender RTLM. Schließlich verschärfte das Versagen der internationalen Gemeinschaft die ohnehin schon prekäre Lage. Allen voran Frankreich, die Vereinten Nationen (UN) und die USA müssen sich heute immer wieder vorwerfen lassen, warum nicht früher und entschlossener in den Konflikt eingegriffen wurde. Letztere verweigerten etwa lange Zeit die Anerkennung der Grausamkeiten als Völkermord, weil das einer Verpflichtung zum Eingreifen der internationalen Gemeinschaft gleichgekommen wäre. Zu jung waren noch die Bilder aus Mogadischu, wo ein Jahr zuvor die verstümmelten Leichen zweier US-Soldaten nach einer missglückten Militäraktion von Aufrührern quer durch die Strassen der Stadt geschleift wurden.
Doch Ruanda ist nicht Somalia. Dort, wo vor zehn Jahren ein grausamer Völkermord stattfand, ist von Staatszerfall kaum etwas zu spüren. Zwar sorgen die aus der Demokratischen Republik Kongo immer wieder in den Nordwesten des Landes einfallenden Hutu-Milizen nach wie vor für eine Stimmung des Unbehagen. Aber nicht nur Präsident Paul Kagame und seine Regierung beschwören unentwegt die Einigkeit der Ruander. Auch Experten zweifeln größtenteils an einer möglichen Wiederholung des Völkermords. Allerdings wird eine wirkliche Versöhnung von Hutu und Tutsi mindestens eine Generation lang dauern. Nur ein Hauch davon weht schon über das Land.

22.4.2004

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