Erste Ausgabe März/April 2002

Zeitlupe - das online-magazin

Autorenserie:

Zur Person:

Henning Thomas Stedtfeld wurde am 25.06.1974 als Sohn einer Koreanerin und eines Deutschen in Kiel geboren. Nach dem Abitur im Jahre 1994 leistete er seinen Zivildienst beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (B.U.N.D.) ab, um anschließend in Hamburg sein Jurastudium zu beginnen. Von Linken wird er häufig für einen Rechten gehalten, und von Rechten für einen Linken.

Ist der Idealismus tot?

Der idealistische Selbstbetrug

Von Henning Stedtfeld

Machen wir uns nichts vor. Zwar kann auch im Patriotismus und Wertkonservatismus eine Art rechter Idealismus erblickt werden. Doch wer sich mit den von der "Zeitlupe" oder ähnlichen Magazinen thematisierten Problemfeldern eingehender beschäftigt, dürfte in der Regel im politischen Spektrum links stehen. Und so müsste eigentlich die vorliegende Autorenserie die präzisierte Überschrift "Ist der linke Idealismus tot?" tragen.

Unbedacht der Frage, was denn genau unter "links" zu verstehen ist, hat in den sich selbst so definierenden Kreisen das Provozieren eine gewisse Tradition. Ob es Trillerpfeifen und freche Transparentsprüche auf der Demo sind, bei erhitzten Podiumsdiskussionen wenig Respekt vor Vertretern der herrschenden politischen oder wirtschaftlichen Klasse gezeigt wird oder gar in wagemutigen Aktionen der zivile Ungehorsam erprobt wird: das Herausfordern und Hinterfragen des Establishments gilt als Kardinaltugend. Ja, man ist kritisch. Auch gegenüber sich selbst?

Die innere Gewissheit, dass man als Idealist mit einem untrüglichen Sinn für Gerechtigkeit ein besserer Mensch sei, kann manches Mal befremden. Sicher, als linker Intellektueller mag man sein politisches Weltbild mit Marx, Adorno & Co. argumentativ auf einem hohen Niveau untermauern. So ist in einem Diskurs mit weniger gebildeten oder weniger rhetorisch begabten Kontrahenten ein Sieg nach Punkten machbar. Doch wer hinterfragt schon mit der gleichen Leidenschaft seinen eigenen Standpunkt, und zwar auch dann noch, wenn neben der Sachbezogenheit eine persönliche Dimension ins Spiel kommt? Gerade das kritische Reflektieren über den eigenen Werdegang sollte indes oberste Pflicht sein.

Allzu oft wird nur vordergründig geglaubt, man diene selbstlos den hehren Idealen und in Wahrheit entspringt die politische Motivation weitaus profaneren Beweggründen.

Da schadet der Blick in den Spiegel nicht. Was man dort zu erblicken bekommt, ist selbstredend ganz individueller Natur. Manch einer wurde durch linke Eltern, Lehrer, Freunde entsprechend sozialisiert, ein anderer rebelliert zeitlebens gegen ein ihn prägendes, konservatives Milieu. Eine Vielzahl an Beweggründen ist denkbar. Als Anregung zur kritischen Selbstanalyse soll im Rahmen dieses Artikels auf das eingegangen werden, was oft vorschnell abgetan wird: die Vorurteile der politisch Andersdenkenden.

Das vielleicht am weitesten verbreitete und auf den ersten Blick dümmste Vorurteil ist, dass Linke zumindest im Durchschnitt weniger attraktiv sind als Bürgerliche oder Unpolitische. All die gestylten Szene-Discotypen, Fitnessfanatiker und Modezeitschriften-Konsumenten mögen ja hohl und oberflächlich sein, doch fühlen sie sich optisch den Ökos, Friedensbewegten und Feministinnen haushoch überlegen und nehmen schon deswegen deren Überzeugungen und Ziele nicht ernst. Das geläufige Schimpfwort der "Zecke" impliziert fraglos einen gewissen Mangel an Sex Appeal. Nun kann man sich gegenüber der "Fit for Fun" -Generation über den Wert eines jeden Menschen, seine innere Schönheit oder über den krankmachenden und Eßstörungen verursachenden Schönheits- und Körperkult auslassen. Aber es sollte dabei nicht zu kurz gegriffen werden.

Wer nicht auch auf Äußerlichkeiten achtet, ist oberflächlich.

Ist es denn wirklich auszuschließen, dass der eine oder andere Jugendliche, der das Gefühl hat bestimmte Ideale und Erwartungen der Gesellschaft nicht erfüllen zu können, sich gerade deswegen von linken Cliquen angesprochen fühlt?

Linke sind diesbezüglich toleranter. Hier sind alle Menschen gleich, sofern man die "richtige" Einstellung hat. Und die kann man sich zulegen, auch ohne Markenklamotten. In dieselbe Kerbe schlägt ein Vorurteil, dass scheinbar gerade bei sozial engagierten Menschen seine Bestätigung findet, nämlich die vermeintliche Verbindung von Helfer-Syndrom und Minderwertigkeitsgefühl.

Es ist eine feine Sache den Schwachen zu helfen.

Doch möglicherweise ist zu bedenken, dass die Schwachen nicht wählerisch sein können bei der Wahl ihrer Freunde. Wenn man sich Asylbewerber, Aids-Kranker oder Obdachloser annimmt, ist klar wie die Abhängigkeitsverhältnisse verlaufen. Natürlich kostet es Kraft für die Schwachen da zu sein, aber deren Anerkennung und Dankbarkeit sind einem mit dem nötigen Engagement sicher. In den Kreisen der Reichen und Schönen fällt das unter Umständen schon schwerer; hier reicht bloßer Energieeinsatz allein nicht aus, man muss selbst über Macht oder blendendes Aussehen verfügen.

Ist bei Manchem also Idealismus nur eine Kompensation für mangelndes Selbstwertgefühl, und in Wahrheit neidet man den verhassten Bonzen und elitären Siegertypen insgeheim ihren Erfolg?

Wohlgemerkt, es geht nicht um die Allgemeingültigkeit solcher Unterstellungen, natürlich lassen sich unzählige Gegenbeispiele finden. Ebenso lassen sich Einstellungen, Werte und Träume des gesellschaftlichen und politischen Mainstreams umfassend kritisieren. Und eine Sozialisation in die eine oder andere politische Richtung hat jedes Individuum hinter sich. Es wird also keine Pathologisierung der Idealisten beabsichtigt. Nichtsdestoweniger sollte man gegenüber sich selbst Rechenschaft ablegen, welche persönlichen Motive womöglich im eigenen Idealismus mitklingen. Dies schon deshalb, um das wichtigste aller Vorurteile zu entkräften: das oft behauptete problematische Verhältnis der Linken zum Erfolg.

Vorliegend wird erst gar nicht versucht näher auf die altbekannte und ewig gleiche Auseinandersetzung zwischen Fundis und Realos einzugehen, doch die Probleme der Grünen bei der realpolitischen Umsetzung ihrer Ziele und die Kritik, die hieran geübt wird, haben etwas Bezeichnendes. Soviel sei angemerkt, wenn forsche junge Wilde an einer Person wie Joschka Fischer den Ausverkauf von Idealen monieren und ihn und seinesgleichen Verräter oder Kriegstreiber schimpfen. Gut möglich, dass die Anfeindungen inhaltlich zu Recht ergehen.

Aber uns Jockel Fischer war mal ein kleiner Militanter, der mit seiner Putztruppe auch Polizisten verdrosch - welcher der heutigen Möchtegern-Radikalen kann das schon von sich behaupten.

Selbst wenn der Eine oder Andere da noch mithalten kann, wer will denn ausschließen, dass nicht genau diese Personen in zwanzig Jahren S-Klasse fahren und fett und satt geworden sind oder als gescheiterte Existenzen ihr linkes Buchlädchen führen und nur noch in der Stammkneipe von der großen Revolution träumen, ansonsten aber in der Welt gar nichts verändert haben. Es wäre ja nicht das erste Mal. Und so drängt sich zuweilen der Verdacht auf, dass einige lieber utopische Maximalforderungen aufstellen, um sich ein lupenreines Gewissen zu erkaufen, und dass das Erreichen von handfesten und dauerhaften Erfolgen zum sekundären Ziel degradiert wird. Der Gutmensch als ein die eigene Fehlerhaftigkeit Verdrängender, der sich mit den schönen Idealen selbst ideal erträumt. Erfolg ist da Nebensache.

Doch wollen wir nicht überkritisch sein. Manchmal ist die Suche nach vorweisbaren Erfolgen und damit nach einer Rechtfertigung des Idealismus einfach. Wer sich in einem Projekt wie der "Initiative Makeba" engagiert, wird möglicherweise weder die gesellschaftlichen Verhältnisse vor Ort, noch hierzulande nachhaltig verändern können. Zumindest werden aber die Lebensumstände Einzelner gebessert und - bei aller Freude an Selbstreflexion - kann das ernsthaft etwas Negatives sein? Vielleicht ist der Idealismus doch nicht tot, sondern er riecht nur bei einigen Vertretern komisch. Seien wir also der eigenen Haltung gegenüber kritisch, um keinem idealistischen Selbstbetrug aufzusitzen und fassen, wenn wir es dann noch können, die Ziele geschärft ins Auge. Machen wir uns nichts vor.

 

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