Erste Ausgabe März/April 2002

Zeitlupe - das online-magazin

Statt eines Interviews: Ilka Schröder


Die junge Europaabgeordnete Ilka Schröder hat im September 2001 ihre Partei Bündnis 90/ Die Grünen aus Protest verlassen.

In einem email-Interview stellte die Zeitlupe ihr unter der Überschrift "Anpassung und Widerstand" acht Fragen, die sie erst unzumutbar fand, dann aber doch von hinten herum beantwortete. Daraus entwickelte sich ein kontroverser Briefwechsel:


Die Fragen

  1. Wie hat sich Ihr politischer Alltag seit Ihrem Parteiaustritt im Herbst
    vergangenen Jahres verändert?
  2. Ihnen wird immer wieder Inkompetenz in der Sache vorgeworfen. Gleichzeitig verstehen Sie sich aber selbst als Polit-Aktionistin - wollen "Gutes tun". Woher nehmen Sie die Gewissheit für die Aktion im Namen der "guten Sache"?
  3. Von der Quotenfrau der Grünen zum Jungstar gegen die Grünen: Fühlen Sie
    sich aus Ihrer ehemaligen Partei herausgemobbt?
  4. Bei Ihrem Parteiaustritt haben Sie u.a. erklärt: "Leider habe ich den Grünen nicht nur geschadet." Warum soviel Bitterkeit? Immerhin waren Sie acht Jahre lang Parteimitglied.
  5. Schlagzeilen haben Sie häufig mit Antithesen gemacht. Hat sich Ihr Widerstand verselbständigt, indem Sie ihn für sich als Selbstzweck entdeckt haben?
  6. Was konnten Sie bisher als Abgeordnete des Europäischen Parlaments jenseits von Öffentlichkeitsarbeit bewirken?
  7. Mit Ihrer Kandidatur zum Europäischen Parlament haben Sie sich zum System der Europäischen Union bekannt. Ist das Parlament für Sie noch der geeignete Ort, um Ihre politischen Ideale durchzusetzen?
  8. Wie sehen Sie Ihre politische Zukunft nach Ablauf Ihres Mandats im Europäischen Parlament?

Die Reaktion von Ilka Schröder


Ich habe mich dafür entschieden, diese Fragen nicht zu beantworten. Das istnatürlich eine problematische Sache, da ich ja den Medien nicht vorschreiben möchte, welche Fragen sie an mich zu stellen haben und das auch nicht tue.

Mir wurde nicht "immer wieder Inkompetenz vorgeworfen". Hätten Sie geschrieben, was Sie damit meinen, wer was in welchem Zusammenhang gesagt haben soll, dann wäre das beantwortbar.

Was hat Politikaktionismus mit guter Sache zu tun und Inkompetenz? Alles drei mit nichts von den anderen, oder?

Ebenfalls die Frage zur Quotenfrau: Es gibt genug blasse Leute auf den Hinterbänken, Männer wie Frauen, denen man vorwerfen könnte, sie seien wegen irgendwelcher Quoten im Parlament. Hier wird das aber als Argument gegen jemand benutzt, dem man schaden will.

Ebenso "Jungstar", hier suggerieren Sie schon wieder mit der Fragestellung, man würde mich vor allem als junge Politikerin wahrnehmen. Das aber tun weder GegnerInnen noch Medien.

Auch die Frage, ob ich herausgemobbt worden sei, oder woher die Bitterkeit stamme empfinde ich als seltsam: Haben Sie die Entwicklung der Grünen in den letzten Jahren nicht verfolgt? Es bin doch nicht nur ich, sondern alle bedeutenden Zeitungen von BILD über Süddeutsche bis FAZ, die der Meinung sind, die Grünen hätten sich in ihr exaktes Gegenteil verkehrt, deutsche Angriffskriege möglich
gemacht etc.

Wenn Sie meinen, ich würde Widerstand als Selbstzweck betrachten, dann zeigt dieses eine ziemliche Tiefachtung der dahinterstehenden Themen:

Halten Sie es nicht für widerstandswürdig, wenn Menschen in den Knast kommen weil sie Atomtransporte blockieren, an den Grenzen getötet werden, weil die EU nur nützliche AusländerInnen will oder von EU-Soldaten abgeschlachtet werden, weil sie dem Konzept der ethnischen Trennung Jugoslawiens widersprechen?

Man kann Fragen sicher so stellen, dass sie die Interviewpartnerin reizen sollen, aber wenn ich erst mal zu jeder Frage eine "Information zur politischen Bildung" geben muss, dann läuft was falsch.


Die Klarstellung der Zeitlupe

Liebe Ilka Schröder,

vielen Dank für Ihre schnelle Antwort. Die Redaktion der "Zeitlupe" hat es nicht so empfunden, dass Sie die Interviewfragen nicht beantwortet haben. Sie sind in Ihrer Reaktion nur nicht chronologisch vorgegangen, sondern haben unsere Fragen vermischt kommentiert.

Trotzdem möchten wir Sie darauf aufmerksam machen, dass uns Ihre Reaktion eine Hofberichterstattung nahe legt, zu der wir nicht bereit sind.

Wir sind davon ausgegangen, dass Sie als unbequeme Politikerin mit bewusster Provokation umgehen können.

Dazu würde auch gehören, Wörter wie "Quotenfrau" oder "Jungstar" argumentativ zu entkräften. Unsere Wortwahl sollte Sie nicht dazu verleiten, sie 1:1 als persönliche Meinung der Interviewer zu deuten. Übrigens sind alle diese Wörter dem Pressespiegel Ihrer homepage entnommen, der uns als Quelle für die Interviewfragen diente.

Wir bedauern, dass Sie nicht die Gelegenheit des email-Interviews genutzt haben, statt spontaner Antworten wohlüberlegte, intelligente Gegenschüsse zu liefern. Damit haben Sie sich der journalistischen Spielregel entzogen, wonach die Fragen aufeinander aufbauend sukzessive beantwortet werden und nicht als Gesamtheit in ihrer Berechtigung angezweifelt werden sollen. Schließlich dienen Interviews immer auch der Glaubwürdigkeitsüberprüfung der/des Befragten und sind somit als Herausforderung zu begreifen.

Die Vermischung der einzelnen Fragen in Ihrer Reaktion kommt einer differenzierten Kritik Ihrerseits nicht entgegen. Daher nur kurz zu einigen Punkten:

Es macht uns schon hellhörig, wenn Sie nicht beantworten können, was Ihr politischer Aktionismus mit der "guten Sache" zu tun hat, der Sie sich nach eigenen Aussagen verpflichtet fühlen.

Auch Ihre Berufung auf BILD und FAZ kann uns nicht überzeugen, da diese Presseorgane für die Zeitlupe keine unangefochtenen Instanzen darstellen. Wenn wir uns nach Ihrer unüberhörbaren Bitterkeit hinsichtlich der Grünen erkundigen, so geschieht dies nicht, um die ideologische Umorientierung im politischen Alltag der Partei zu kommentieren, sondern weil uns Ihre negative Parteierfahrung interessiert, schließlich verrät sie viel über das innere Klima bei den Grünen.

Bei der Frage "Ihnen wird immer wieder Inkompetenz in der Sache vorgeworfen" beziehen wir uns insbesondere auf die Pressereaktionen zu Ihrem Vorschlag, Schlepperbanden an den Ostgrenzen der EU zu subventionieren und hätten uns selbstbewusste Gegenargumente gewünscht. Wir sind davon ausgegangen, dass Ihnen diese Pressereaktionen der Vergangenheit bekannt sind. Als wir Sie danach fragten, ob Sie den Widerstand für sich als Selbstzweck entdeckt haben, erhofften wir uns differenziertere Aussagen zu Ihren inhaltlichen Positionen: wo formulieren Sie PRO und nicht nur CONTRA?

Trotz allem hat die "Zeitlupe" die Konversation mit Ihnen als Bereicherung gewertet.

Mit herzlichen Grüßen

Myriam Prien, Chefredakteurin

Die Entgegnung von Ilka Schröder


Das "gute Dinge tun" habe ich nie gegenüber der Presse gesagt. Es warlediglich eine Journalistin anwesend, als ich es in englischer Sprache am Telefon sagte. Dort wurde es aus dem Zusammenhang gerissen. Es ist im Sommer 1999 erstmals im Tagesspiegel aufgetaucht und wurde dann von recherchefaulen JournalistInnen immer wieder dort
abgeschrieben, übersetzt und von den abgeschriebenen Artikeln wieder abgeschrieben, um dann hier z.B. wieder abgeschrieben zu werden.

Die oben genannte Aussage (Gemeint ist wohl der Vorschlag Schröders, Schlepperbanden an den Ostgrenzen der EU zu subventionieren. - Die Red.) klingt in dem nicht von mir hergestellten Zusammenhang zwar ziemlich dumm-naiv, andererseits muss ich auch meine Schlüsse daraus ziehen, wenn andere sich gerade darauf konzentrieren. Meine Ex-Fraktionskollegin Heide Rühle hat mir und anderen Abgeordneten über die Kölnische Rundschau vom 27.10.2000 ernsthaft vorgeworfen, ich verfolgte das "Gute, Schöne und Wahre". So schlimm ist es dann ja nun auch wieder nicht, für moralische Dinge zu streiten.

Eher problematisch sind doch Abgeordnete, die sich selbst wohl für das "Schlechte, Hässliche und Falsche" einsetzen.

Mit meiner von Ihnen als "Bitterkeit" bezeichneten Abneigung gegen die Grünen verbinde ich kein schlechtes Klima, sondern einfach die falsche Politik. Es hilft doch nichts, ein gutes Klima innerhalb einer Partei zu behalten, um dann zusammen das Gegenteil von dem zu machen, wofür man einst angetreten ist.

Ich selbst engagiere mich für die Dinge, die im (formal) geltenden Grundsatzprogramm der Grünen von Anfang der 80er Jahre stehen. Für die Gegnerschaft zu Atomkraft, Militarismus und Ausbeutung gibt es nach wie vor gute Gründe, sogar bessere als damals. Nun haben die Grünen in ihrer Regierungszeit aber statt eines Atomausstiegs eine zeitlich unbeschränkte Betriebsgarantie für die AKW gegeben.

Anstatt sich für Frieden einzusetzen haben die Grünen mit systematischen Lügen einen Angriffskrieg gegen Jugoslawien geführt und wollten mit Nazivergleichen die Vergangenheit ihrer Eltern reinwaschen und Auschwitz als Standortvorteil für deutsche Militäreinsätze auf aller Welt missbrauchen.

Mit der Ökosteuer werden die größten Energieverschwender, die sogenannte energieintensive Industrie, gesponsert.

Arme Menschen werden von den Sozial- und Arbeitsämtern auf Anweisung von Oben mehr gequält und zur Zwangsarbeit geschickt als vor Rot-Grün.

Und, und, und. Auch wenn Bild und FAZ kein Maßstab für Sie sind. Außer der TAZ ist es doch kaum jemandem entgangen, dass die Grünen exakt das Gegenteil von dem machen, wofür sie einst angetreten sind.

Natürlich wurden die Grünen in den letzten Monaten noch einmal einen Zacken schärfer.

Ich formuliere oft genug ein Pro, ein Beispiel sprechen bzw. schreiben Sie selbst an: Ich setze mich für (pro) die Öffnung der EU-Außengrenzen ein. Und da insbesondere von der deutschen Bundesregierung das Gegenteil getan wird, muss man eben die FluchthelferInnen fördern - schon wieder PRO. Für (pro) die MigrantInnen setze ich mich damit ebenfalls ein. Nur wer sich übereifrig mit GrenzsoldatInnen oder RassistInnen identifiziert, muss das als CONTRA ansehen.

Angesichts der derzeit herrschenden politischen Zustände und der gut begründbaren PROs der emanzipativen Linken spricht vieles für das Motto "In dubio contra".

Aber hinter jedem Contra steht auch ein Pro. Mathematisch ausgedrückt: Contra -x = Pro x.

Politisch: Gegen ökonomisierende Einwanderungspolitik - pro offene Grenzen und Reisefreiheit. Gegen den Überwachungsstaat - pro informationelle Selbstbestimmung. Gegen Umverteilung von unten nach oben - für Umverteilung von oben nach unten.

Widerstand kann nur dann als Selbstzweck betrachtet werden, wenn man die dahinterstehenden Ziele nicht als Ziele anerkennen will - wenigstens als Ziele, die man mit allen Mitteln bekämpfen muss.

Warum sollte ich Widerstand als Selbstzweck betreiben? Meine Beliebtheit steigere ich dadurch ja kaum und meine Diäten auch nicht. Auch der "nationale Widerstand" der Nazi-Banden ist kein Selbstzweck. Hier wird eine nationalsozialistische Gesellschaft angestrebt, ein arisch reines Deutschland, Faschismus usw.


Zur Person

Die 24-jährige Ilka Schröder ist in Berlin-Neukölln aufgewachsen und seit 1999 Mitglied des Europäischen Parlaments. Im September letzten Jahres ist sie aus ihrer ehemaligen Partei Bündnis'90/Die Grünen ausgetreten und als Parteilose in die Fraktion "Vereinte Europäische Linke/Nordische Grüne Linke" gewechselt. Im Parlament wirkt sie seit diesem Jahr als Mitglied des "Ausschusses für die Freiheit und Rechte der Bürger, Justiz und innere Angelegenheiten". Mehr bietet Ilka Schröder unter www.ilka.org.

 

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